Zum Wochenende laufen Aktien besser als behauptet
Der Freitags-Mythos

Freitage sind schwarz – so will es die Börsenrhetorik. Seit dem Aktiencrash am 25. Oktober 1929 ist der Begriff des „Schwarzen Freitags“ als fester Bestandteil des Marktgeschehens zementiert.

DÜSSELDORF. Er wird stets bemüht, sobald die Kurse an einem Freitag etwas mehr verlieren, als es den Marktteilnehmern lieb ist. Auch der Grund für das Phänomen fallender Kurse zum Wochenausklang ist schnell zur Hand: „Die Anleger sichern sich vor dem Wochenende ihre Gewinne“, heißt es gern, wenn die Aktien mal wieder an einem Freitag abtauchen.

Die Bankgesellschaft Berlin räumt jetzt allerdings mit dem Mythos vom schwarzen Freitag auf. Eine Analyse der Kursentwicklung an den einzelnen Wochentagen ergab, dass die Aktienkurse seit 1970 zum Wochenausklang nicht schlechter abschnitten als an anderen Tagen. Im Gegenteil: Mit einem durchschnittlichen Kursgewinn von 0,09 Prozent ist der Freitag der Primus unter den Wochentagen, gefolgt vom Donnerstag und dem Mittwoch. Die Rolle des Klassenletzten übernimmt stattdessen der Montag, an dem die Kurse durchschnittlich um 0,06 Prozent nachgaben.

Seine Spitzenposition verdankt der Freitag vor allem einer überdurchschnittlichen Entwicklung in Phasen mit steigenden Aktienkursen. In den vergangenen dreieinhalb Jahrzehnten war er in sechs von zehn Haussephasen jeweils der stärkste Tag. Hierin zeigt sich nach Einschätzung der Bankgesellschaft die Angst der Anleger, etwas zu verpassen. In Boom-Zeiten ließen sich die Investoren mit Käufen gern Zeit, um den optimalen Einstiegszeitpunkt zu treffen. Spätestens zum Wochenende gewinne aber der „Drang nach mehr“ die Oberhand, so dass der Freitag durch eine verstärkte Ordertätigkeit geprägt sei.

Damit ist auch die These von verstärkten Gewinnmitnahmen zum Wochenende zumindest für Bullen- Märkte widerlegt. In der Baisse hingegen sieht das Bild wieder ganz anders aus. Hier gaben die Kurse in der Tat an Freitagen häufig nach. Noch schlimmer trifft es im Abschwung aber ebenfalls meist den Montag. In sechs von zehn Bären- Märkten war der Montag im Durchschnitt der größte Verlierer. Dies wiederum liegt nach Ansicht der Berliner Bank an dem oft schlechten Nachrichtenumfeld in der Baisse. Zu Wochenbeginn müsse der Markt nicht nur auf die Hiobs-Botschaften vom Montag reagieren, sondern auch die Nachrichten des Samstags und des Sonntags aufarbeiten. Höhere Kursverluste seien die logische Konsequenz. Der Erklärungsversuch hat Charme, denn im Gegensatz zu Abwärtsphasen schnitt der Montag in Boom-Zeiten häufig gut ab, weil er die positiven Neuigkeiten vom Wochenende nachvollzog.

Schlüsse aus den unterschiedlichen Kursbewegungen im Wochenverlauf zu ziehen fällt allerdings schwer. Zum einen hat die steigende Volatilität an den Märkten die Zusammenhänge zuletzt kräftig durcheinander gebracht. So zeigen die jüngsten Daten für die Zeit ab dem Jahr 2000 eine Konzentration des Handelsgeschehens auf die Wochenmitte – mit dem Mittwoch als schlechtestem und dem Donnerstag als bestem Börsentag. Zum anderen werden die „klassischen“ Reaktionen der Aktienmärkte häufig durch andere Ereignisse überlagert. So haben Studien ergeben, dass die Stimmung der Anleger insbesondere vor Feiertagen besonders gut ist, was wiederum häufig mit steigenden Notierungen einhergeht. Die Handelstage vor Ostern und vor Weihnachten etwa gehören statistisch gesehen zu den erfolgreichsten Zeiten an der Börse überhaupt.

Was bleibt, ist wieder einmal die Erkenntnis, dass die Börse ein komplexes Gebilde ist und alle Versuche, das Geschehen mit einfachen Grundregeln zu erklären, ins Leere laufen. Anleger sollten Aktien kaufen, wenn sie das Kursniveau für angemessen halten, und verkaufen, wenn die Papiere heiß laufen. Ob dies nun an einem Montag, Dienstag oder Freitag geschieht, sollte dabei keinerlei Rolle spielen.

Ralf Drescher
Ralf Drescher
Handelsblatt.com / Teamleiter Finanzen (bis 29.2.2012)
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