Chartanalyse: „Der Dax kann neue Höchststände erreichen“

Chartanalyse
„Der Dax kann neue Höchststände erreichen“

Müssen wir uns um den Dax sorgen? Als der Index kurz unter 7.000 Punkte sackte, waren viele Anleger besorgt. Ein Charttechniker erklärt, warum ihm nicht bange ist und was er von „psychologisch wichtigen“ Marken hält.

DüsseldorfWenn es so weitergeht, muss der Dax bald zum Psychiater. Der Arme ist hin- und hergerissen. Jeden Tag muss er kämpfen – um eine „psychologisch wichtige“ Marke. So steht es jedenfalls in den Zeitungen, und auch bei der Börsenschalte im Fernsehen wird in diesen Tagen gerne auf die psychologische Verfassung des Dax verwiesen. Alles nur, weil der Index am vergangenen Freitag kurz unter 7.000 Punkte gefallen ist. Und weil dieses Marke nach Ansicht einiger Beobachter psychologisch so bedeutsam ist, wurde dies gleich als düsteres Vorzeichen gedeutet. Nun gehe es erst recht abwärts, hieß es.

Das Gegenteil passierte: Gestern schaffte es der Index wieder locker wieder über die 7.000, er legte mehr als 200 Punkte zu. Was steckt wirklich hinter dem Geheimnis der runden Zahl? Das muss jemand wissen, der sich beruflich mit den Zahlen befasst: Jörg Scherer ist technischer Analyst bei der Bank HSBC Trinkaus. Er verbringt seine Zeit damit, Börsenkurse und Charts zu analysieren, um daraus einen Trend für die Zukunft abzuleiten.

Und wie wichtig sind nun die 7.000 Punkte, Herr Scherer? „Wollen Sie eine ehrliche Antwort hören? Das hat für mich keine Bedeutung!“ Die angeblich so wichtige Marke befeuere allein das Interesse der Medien, sage aber ansonsten nichts aus. „Die 6.998 oder die 6.995 oder jede andere Punktzahl ist mindestens genauso wichtig“, sagt der Charttechniker.

Nach Ansicht von Scherer haben die Schwierigkeiten für den Dax sowieso schon früher begonnen. Schon in der Vorwoche sei der Aufwärtstrend, der immerhin seit Juni währte, gebrochen worden. Doch das findet Scherer nicht weiter tragisch. Kritisch werde es erst dann, wenn die Marke von 6.885 Punkten in Gefahr gerate. Die markiert den Beginn eines früheren Abwärtstrends im Mai 2011. Darunter sollte der Dax laut Scherer nicht fallen, sonst drohe neues Ungemach.

Ebenso wichtig ist für den Charttechniker die 200-Tage-Linie. Diese ist einer der meist beachteten Indikatoren in der Chartanalyse – sie zeigt den gleitenden Durchschnitt der vergangenen 200 Handelstage an. Fällt der Index darunter, ist das immer ein schlechtes Zeichen. Aktuell verläuft die Linie ziemlich genau bei 6.826 Punkten. Davon ist der Dax noch ein Stück weit entfernt. Scherer glaubt, dass das auch so bleibt: „Es wäre zu früh, den Bullen für tot zu erklären.“ Er geht im Gegenteil davon aus, dass die Börse am Ende des Jahres noch einmal durchstarten kann. Seine Prognose: „Ein Anlauf auf die Jahreshöchststände bei gut 7.400 Punkten ist möglich.“

Ausgerechnet die miese Stimmung macht ihn optimistisch. Bei der jüngsten Umfrage der American Association of Individual Investors, die wöchentlich die Stimmung der Anleger ermittelt, kam heraus: Fast die Hälfte der Befragten erwartet fallende, nur 29 Prozent steigende Kurse. „Investoren sind so skeptisch wie nie in diesem Jahr. So viel Pessimismus deutet darauf hin, dass wir uns eher am Ende als am Beginn einer Abwärtsbewegung befinden“, sagt Scherer.

Was wie ein Widerspruch klingt, hat sich oft als verlässlicher, um nicht zu sagen „psychologisch wichtiger“ Kontraindikator erwiesen. Denn meistens kommt es anders, als die Masse denkt. In Wahrheit ist es nämlich gar nicht der Dax, der nervlich angeschlagen ist, sondern mancher Anleger.

 
Jörg Hackhausen
Jörg Hackhausen
Handelsblatt Online / Reporter
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