Chartanalyse
Verkaufswelle bei US-Standardwerten nähert sich dem Ende

Zehn Prozent in Sechs Wochen: Der breit gefasste S&P 500 durchbricht immer neue Marken nach unten - doch wenn die Anleger kapitulieren, ist das Schlimmste vorüber. Die Basis für eine breite und länger anhaltende Erholung bis tief ins Dritte Quartal könnte dann erreicht sein.

ZÜRICH. Seit seinem Verlaufshoch Mitte Mai kennt der S&P 500 nur eine Richtung: nach unten. Der Index hat in den letzten sechs Wochen rund zehn Prozent an Wert verloren. Mit den Verlusten der letzten Tage läuft der S&P 500 in eine fast schon klassische Verkaufswelle. Problematisch aus langfristiger Sicht ist, dass immer mehr wichtige Marktindizes und Sektoren ihre Tiefs aus dem März oder Januar unterschreiten. Der Dow Jones Industrie Index beispielsweise hat sein Märztief bei rund 11 700 in der letzten Woche deutlich gebrochen, was aus charttechnischer Sicht negativ ist. Allerdings können wir nicht unisono von einem bärischen Marktumfeld sprechen, wie das etwa im Februar und März der Fall war. Im Gegenteil - das, was die Märkte die letzten Wochen unter Druck gebracht hat, waren vor allem die großen Verluste der Finanztitel, die in den großen Indizes immer noch ein relativ hohes Indexgewicht haben. Dazu kommt auch, dass seit Ende Mai die Ölaktien nicht mehr steigen. In den vergangenen Monaten waren es vor allem die Rohstofftitel, die einen großen Teil der Verluste in den Finanztiteln abfangen konnten. Der S&P 500 lag als Folge mit seinem Mitte Mai Top lediglich acht Prozent unter seinem Allzeithoch.

Diese Situation hat sich seit Ende Mai geändert, und damit sind es vor allem die Standartwerte-Indizes, die aktuell unter Druck sind, wohingegen der Nebenwerteindex Russel 2000 immer noch ein gutes Stück von seinem Märztief entfernt ist. Unter dem Strich sehen wir eine derartige Divergenz zwischen den mittlerweile stark überverkauften großen Werten (Large Caps) und den lediglich korrigierenden (Nebenwerten) Small und Mid Caps durchaus als positiv an. Man muss sich vor Augen halten, dass - gemessen an dem mit 30 Prozent negativen Abstand zu seiner 200-Tage Linie - der US Bankensektor historisch hoch überverkauft ist. Wir gehen davon aus, dass gerade der erneute Panik-Ausverkauf bei Banken unmittelbar vor einem wichtigen Tiefpunkt steht. Wenn das der Fall ist, dann dürfte von der fälligen Erholung auch der gesamte Aktienmarkt profitieren.

Mit dem Ausverkauf der letzten Woche hatten wir erste Anzeichen einer klassischen Kapitulation im US-Aktienmarkt. Die aktuellen Abwärtstrends sind sehr steil, was in der Regel einen finalen Charakter hat. Das Verkaufsvolumen war mit über 90 Prozent derart hoch, wie das in der Regel nur im Bereich von wichtigen Markttiefpunkten der Fall ist. Was aus markttechnischer Sicht allerdings noch fehlt, ist die typische Schlussverkaufspanik unter den Marktteilnehmern.

Wir gehen davon aus, dass nach der aktuellen Verkaufswelle die Basis für eine breite und länger anhaltende Erholung bis tief in das dritte Quartal erreicht ist. Aus zyklischer Sicht erwarten wir in dieser Woche ein wichtiges Tief im Bereich 1270 bis 1250 Punkten im S&P 500 und raten somit unseren Kunden in die aktuelle Schwäche selektiv Positionen aufzubauen.

Michael Riesner leitet die Technische Analyse der UBS Investment Bank in Zürich.

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