Chartanalyse
Zinsdifferenz sendet trügerische Signale für den Dollar-Kurs

Derzeit liegen die kurzfristigen Zinsen für Ausleihungen über drei Monate in den USA mit 4,75 Prozent deutlich über dem Niveau von rund 2,5 Prozent in der Euro-Zone. Die US-Währung steht jedoch trotz des attraktiveren amerikanischen Zinsniveaus vor einem Rückschlag.

DARMSTADT. Die Zinsdifferenz zwischen verschiedenen Währungsräumen ist eine Variable mit sehr hohem Erklärungswert für die künftige Kursentwicklung am Devisenmarkt. Derzeit liegen die kurzfristigen Zinsen für Ausleihungen über drei Monate in den USA mit 4,75 Prozent deutlich über dem Niveau von rund 2,5 Prozent in der Euro-Zone. Weil höhere Zinsen tendenziell Anlegergelder anziehen, wäre eigentlich ein Anstieg der US-Währung zu erwarten.

In der Vergangenheit war diese Konstellation auch regelmäßig zu beobachten, etwa in den Jahren 1994 bis 2001. In dieser Zeit mit höheren US-Zinsen wertete der Dollar um rund ein Viertel auf. Anschließend drehte die Zinsdifferenz zugunsten Europas und der Euro stieg um 45 Prozent. Ende 2004 drehte die Zinsdifferenz erneut zu Gunsten des Dollars. Kursgewinne waren die Folge.

Dass der Zusammenhang nicht immer funktioniert, zeigt ein Blick zurück in die 80er-Jahre. Im September 1985 beschlossen Vertreter der fünf größten Volkswirtschaften eine geordnete Abwertung des US-Dollars. Gesteuert durch weltweit koordinierte Zentralbankinterventionen wertete die US-Währung gegen der D-Mark in zwei Jahren um die Hälfte ab - trotz positiver Zinsdifferenz.

Die Voraussetzungen für eine ähnliche Entwicklung wie 1985 sind heute gegeben. Wie damals weisen die USA ein Leistungsbilanzdefizit auf, das von den meisten Ökonomen als untragbar hoch beurteilt wird. Für Unruhe unter Devisenexperten sorgt auch die Tatsache, dass die amerikanische Notenbank seit einer Woche die Geldmenge M3 und so genannte Repogeschäfte nicht mehr ausweist. Man kann dadurch jetzt nicht mehr unmittelbar feststellen, in welchem Ausmaß etwa Anleihen durch US-Banken gekauft werden.

Die scharfen Kurseinbrüche am Rentenmarkt in der vergangenen Woche lassen den Schluss zu, dass starke Hände eine Abwertung des US-Dollars bereits vorwegnehmen. Dass die Zinsdifferenz eigentlich zu Gunsten der amerikanischen Währung spricht, sollte für Anleger am Devisenmarkt deswegen nicht länger als Kaufargument für den Dollar missverstanden werden.

Felix Pieplow ist Finanzmarkt- und Wirtschaftsanalyst.

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