Chartgespräch
Der Euro erholt sich - ein bisschen

Obwohl der Euro vor kurzem den niedrigsten Stand seit zwei Jahren markierte, erholt er sich etwas. Die Notenbank könnte theoretisch Geld drucken, um die europäische Gemeinschaftswährung zu stützen.
  • 0

FrankfurtFast scheint es so, als hätten bei der Europäischen Zentralbank (EZB) charttechnisch orientierte Analysten ein Wörtchen mitzureden. Als nämlich EZB-Präsident Mario Draghi Ende Juli sagte, die Notenbank sei bereit, alles zu tun, um den Euro zu erhalten, hatte dieser aus technischer Sicht schwere Zeiten. Mit 1,2042 hatte er kurz zuvor im Vergleich zum Dollar den niedrigsten Stand seit zwei Jahren markiert. Seither erholt er sich aber wieder etwas. Die europäische Handelswoche beendete der Euro am Freitag mit 1,233 Dollar.

Fundamental lässt sich die leichte Erholung damit erklären, dass die Notenbank theoretisch Geld drucken kann, um die Euro-Krisenländer über den Ankauf von Staatsanleihen und damit indirekt auch die europäische Gemeinschaftswährung zu stützen.

"Dabei machte zuvor das Zweijahrestief Investoren vor allem deshalb Sorgen, weil der Euro Gefahr lief, aus dem langfristigen Abwärtskanal zum Dollar nach unten auszubrechen", erklärt Ralf Umlauf, der bei der Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba) das Floor Research leitet. In dieser Eigenschaft sitzt er im Handelsraum - dem Trading Floor - der Bank und gibt vor allem kurzfristige Einschätzungen zu den Märkten. Dabei spielt die Charttechnik eine wichtige Rolle.

Die untere Begrenzung des Abwärtskanals des Euros liegt laut Umlauf inzwischen bei 1,208 Dollar und damit in der Nähe der Marke von 1,1876 Dollar. Auf diesen Stand war die europäische Gemeinschaftswährung im Juli 2010 gefallen. Damit hatte sie ein mehrjähriges Tief zur US-Devise markiert, war allerdings danach auch wieder deutlich gestiegen.

Im Abwärtskanal liegt der Euro jetzt wieder seit Anfang Mai 2011. Damals kostete er noch 1,4940 Dollar - hat seither im Zuge der sich immer weiter zuspitzenden Krise der Euro-Schuldenländer aber kräftig verloren.

Auf- und Abwärtstrends und -kanäle ermitteln Charttechniker, indem sie verschiedene Hochs und Tiefs im historischen Kursverlauf zu Trendlinien verbinden. Um den langfristigen Abwärtskanal nach oben hin zu verlassen, müsste der Euro laut Umlauf bis Ende des Jahres auf über 1,30 Dollar und danach auf Niveaus von 1,34 bis 1,35 Dollar steigen: "Bis dahin ist noch eine Menge Luft, und von daher kann man noch lange nicht von einer Trendwende sprechen", sagt Umlauf.

Immerhin besteht für den Experten der Helaba jetzt aber die Aussicht, dass der Euro zunächst nicht mehr unter die Marke von 1,2042 Dollar, also das Tief kurz vor der Draghi-Rede Ende Juli, fällt. Denn wenn ein Chart innerhalb einer Abwärtsbewegung ein Tief markiert und von dort aus nach oben dreht, wird das Tief zu einer Unterstützung des Kurses. Hier lassen sich seit Ende Juli wiederum mehrere Punkte verbinden, so dass oberhalb von 1,2042 Dollar je Euro noch Unterstützungen im Bereich zwischen 1,2260 bis 1,2150 Dollar liegen.

Und kurzfristig hat der Euro nach Meinung von Umlauf zudem noch weiteres Potenzial nach oben. Aussichten auf weitere Kursanstiege machen technisch orientierte Analysten unter anderem an Widerstandsmarken fest. Sie sind das Gegenstück zur Unterstützung. Wenn innerhalb einer Aufwärtsbewegung ein bestimmtes Kursniveau mehrfach nicht überwunden werden konnte, gilt dies als Widerstand.

Wenn der Sprung über einen Widerstand doch gelingt, eröffnet das die Möglichkeit für weitere Kursgewinne. Die entscheidende Hürde für den Euro sieht Umlauf jetzt bei 1,2444 Dollar und dabei gute Chancen, dass der Euro diesen Widerstand überwindet. Dann könnte die europäische Währung in Richtung 1,27 Dollar steigen und gelangte dort in den Bereich der nächsten Widerstände. Somit sieht Umlauf für den Euro auf kurze Sicht zwar noch Luft für Gewinne zum Dollar, aber: "Letztlich handelt es sich nur um eine Gegenbewegung innerhalb des intakten langfristigen Abwärtstrends."

Andrea Cünnen
Andrea Cünnen
Handelsblatt / Finanzkorrespondentin

Kommentare zu " Chartgespräch: Der Euro erholt sich - ein bisschen"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%