Chartgespräch
„Der Ölpreis startet durch in Richtung Allzeithoch“

Die Krise in Libyen treibt den Ölpreis in die Höhe. Im Chartgespräch erklärt Jörg Scherer, Analyst bei HSBC Trinkaus, warum der Preis für Brentöl auf sein Allzeithoch zusteuert, es aber in diesem Jahr nicht erreicht.

DüsseldorfEin gefürchtetes Risiko ist an die Märkte zurückgekehrt: Die Eskalation der Gewalt in Libyen und die Angst vor einem Übergreifen der Unruhen auf Saudi-Arabien haben den Ölpreis auf den höchsten Stand seit 2008 getrieben. In der Spitze stieg der Preis für ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent vergangene Woche auf knapp 120 Dollar. Erst die Ankündigung Saudi-Arabiens, die Ölexporte bei Bedarf zu erhöhen, sorgte zum Wochenschluss für etwas Entspannung.

Doch Entwarnung geben Analysten nicht. Ein Anstieg des Ölpreises in Richtung seines Rekordstands gilt vielen Analysten inzwischen als realistisches Szenario. Auch aus technischer Sicht hat sich "beim Ölpreis zuletzt Großes getan", sagt Jörg Scherer, technischer Analyst bei HSBC Trinkaus. "Durch den jüngsten Anstieg ist Brentöl in seinen langfristigen Aufwärtstrend zurückgekehrt."

Dieser Trend stammt bereits aus dem Dezember 1998 und gipfelte im Juli 2008 auf dem Allzeithoch bei 147,50 Dollar. Mit dem Ausbruch der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise folgte aber auch am Ölmarkt der Einbruch: Der Brentpreis fiel 2009 unter 40 Dollar. Der Aufwärtstrend wurde "mit Pauken und Trompeten durchschlagen", sagt Scherer. Ab Juli 2009 bildete sich zwar eine neue, kurzfristige Aufwärtsbewegung aus. Doch der langfristige Trend blieb lange unerreicht. Mehrere Versuche, diesen wieder aufzunehmen, prallten an der unteren Trendlinie ab.

Zwischenrally schafft einen ordentlichen Puffer

Nun ist der Sprung geglückt, und zwar deutlich. Die untere Linie des Aufwärtstrendkanals verläuft zurzeit bei rund 97 Dollar. Das heißt, der Ölpreis hat mit seiner jüngsten Rally einen ordentlichen Puffer geschaffen. "So lange der Preis nicht in Richtung 100 Dollar zurückfällt, ist das technische Bild sehr positiv", sagt Scherer. Er geht davon aus, dass der Ölpreis vom aktuellen Niveau aus in Richtung seines Allzeithochs durchstartet. Auf dem Weg dahin sieht er nur eine relevante Hürde im Bereich von 121 Dollar. Hier liegt eine Widerstandszone.

Dass der Brentöl-Preis am vergangenen Donnerstag an dieser Marke abgeprallt ist, wertet Scherer allerdings als Signal, dass es am Ölmarkt kurzfristig eine Verschnaufpause geben könnte. Diese Sicht werde auch durch verschiedene statistische Indikatoren unterstützt, die darauf hindeuteten, dass der Markt "ziemlich heißgelaufen ist". Und noch ein weiterer Punkt stimmt ihn kurzfristig zurückhaltend: "Die Spekulanten haben sich sehr einseitig für einen weiteren Preisanstieg positioniert, die Netto-Long-Positionen an den Terminmärkten haben zuletzt Rekordwerte erreicht", erklärt Scherer.

Nach dem rasanten Anstieg der vergangenen Tage könnte sich das Tempo am Ölmarkt erst einmal verringern. Ein neues Rekordhoch erwartet Scherer auf Basis seiner technischen Modelle "nicht mehr in diesem Jahr". Den Märkten und der Konjunktur würde eine Atempause auf jeden Fall gut tun.

Ralf Drescher
Ralf Drescher
Handelsblatt.com / Teamleiter Finanzen (bis 29.2.2012)
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%