Christian Henke, West LB
„Eurokurs hat keine klare Richtung“

Mit seinen drastischen Kursschwankungen verunsichert der Euro die Anleger. Von seinem kräftigen Schwächeanfall scheint sich die gemeinsame Währung noch nicht erholt zu haben. Eine Prognose für die künftige Kursentwicklung fällt selbst Experten schwer.
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DÜSSELDORF. Zwei Erklärungen müssen seit Wochen dafür herhalten, die Kursbewegungen beim Euro zu analysieren: Die Gemeinschaftswährung fällt, weil Anleger sich über die gigantischen Schulden in Europa sorgen und deshalb aus der Währung fliehen. Er steigt, weil Anleger die Nullzins-Politik der Notenbank in den USA und den exorbitanten Ankauf von Staatsanleihen beargwöhnen und die größte Volkswirtschaft auch nicht weniger stark als Europa verschuldet ist.

Die Kursbewegungen waren drastisch: Erst stieg der Euro von Juni bis November von 1,19 auf 1,42 Dollar, um anschließend auf 1,29 Dollar zurückzufallen. Je nachdem, welche der beiden Sichtweisen Investoren gerade favorisieren, überwiegt die Dollar- oder die Euro-Stärke.

So überzeugend beide Erklärungen auch sein mögen, Prognosekraft für die weitere Entwicklung bieten sie natürlich nicht. Denn niemand weiß, welche Präferenz in den nächsten Wochen überwiegt.

Deshalb reizt der Blick auf das Chartbild beider Währungen und der Versuch, hieraus Erklärungen für das Auf und Ab herzuleiten und daraus Prognosen zu entwickeln. Bis November lief der Euro schnurstracks nach oben innerhalb eines stabilen Trendkanals (siehe Chart).

"Die rasante Aufwärtsbewegung stoppte, als der Euro an seine obere Trendbegrenzung stieß, daran abprallte und dann mustergültig zurückfiel", sagt Christian Henke von der West LB. Der technische Analyst orientiert sich stets strikt an charttechnischen Mustern und lässt fundamentale Erklärungen bewusst außen vor, um nicht fälschlicherweise beides miteinander zu vermengen.

Sobald der Euro an die untere Begrenzung des eben geschilderten Trendkanals fiel und die Marke von 1,3460 Dollar unterschritt, ging es in nur wenigen Tagen weiter drastisch abwärts. "Erst die Unterstützung bei 1,2960 Dollar konnte den Euro-Bären Einhalt gebieten", sagt Henke. Damit erfüllte sich eine klassische Theorie aus dem Chartlehrbuch: Sobald ein Chart aus seinem Trendkanal herausbricht, beschleunigt sich die Abwärtsbewegung.

Aus dieser Analyse ergibt sich für Henke die Prognose, dass sich der Euro erst einmal im "Niemandsland" bewegen wird - es also keinen klaren Trend nach oben, aber genauso wenig nach unten gibt. Nach oben erschöpft sich das Kurspotenzial bei 1,3460 Dollar, also der unteren Begrenzung des Trendkanals.

Denn einmal aus solch einem stabilen Kanal ausgebrochen, ist es gewöhnlich schwer, wieder hineinzugelangen. Meistens aus dem einfachen Grund, weil Investoren solche Chartmuster kennen, sich daran orientieren - und sich am Ende die Prophezeiung von selbst erfüllt. Nach unten erschöpft sich das Abwärtspotenzial bei 1,2960, dem Tief von Ende November. "Bricht der Euro unter dieses Tief, ergibt sich allerdings sofort weiteres Abwärtspotenzial", sagt Henke.

Umgekehrt sieht er jedoch Kurschancen, sollte der Euro in seinen alten Trendkanal zurücklaufen - also über die beschriebene Marke von 1,3460 Dollar. Angesichts des "Niemandslandes", in dem sich der Euro momentan bewegt, prophezeit Henke ein Auf und Ab des Eurokurses um maximal fünf Cent innerhalb der beschriebenen Marken von 1,2960 und 1,3460 Dollar. Das ist die gesamte Bandbreite des gegenwärtigen "Niemandslandes".

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