Begehrter Rohstoff
Deutsche sind Europas Goldhamster

Inflationsangst geht um, zumindest in Deutschland. Die Anleger flüchten ins Gold, das neuerdings auch aus dem Automaten kommt. Durchschnittlich hat jeder der rund 68 Millionen erwachsenen Deutschen 130 Gramm Gold mit einem Wert von fast 4 100 Euro gebunkert.
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FRANKFURT. Als der lydische König Krösus 560 vor Christus erstmals Goldmünzen von einheitlicher Größe und einheitlichem Wert in Kleinasien prägen ließ, wusste er nicht, was für eine Lawine er damit auslösen würde. Heute wäre gerne jeder Deutsche Krösus. Erstmals wird jetzt das Geheimnis des deutschen Goldhamsters gelüftet: Jeder Erwachsene besitzt 52 Gramm Schmuck, 58 Gramm Goldmünzen, Barren oder andere Anlagen sowie weitere 20 Gramm im übertragenen Sinn, das heißt Wertpapiere wie Goldfonds oder Minenaktien. Summa summarum hat jeder der rund 68 Millionen erwachsenen Deutschen 130 Gramm Gold mit einem Wert von fast 4 100 Euro gebunkert.

Dass die Deutschen wissen, was sie in den Tresoren ihrer Banken, unter der Bettdecke oder im Schrank liegen haben, das verdanken sie einer aktuellen empirischen Studie der Steinbeis-Hochschule in Berlin. Erstmals wurden in einer repräsentativen Umfrage über 3 200 Deutsche nach Gründen für ihren Drang zum Gold befragt. Der lässt nicht nach. Finanzprofessor Jens Kleine, der die Wahrheit über die Goldliebe der Privatanleger wissen wollte, lässt keinen Zweifel: "Weit über die Hälfte der Befragten sind der Meinung, dass Gold als Anlage künftig noch attraktiver wird", sagt er. Und: "Knapp 30 Prozent können sich vorstellen, in den nächsten Jahren das Edelmetall zu kaufen."

Wer Gold will, kommt inzwischen auch auf ungewöhnlichen Wegen zum Ziel. So lockt die Sparda-Bank in Hamburg mit Zinszahlungen in Gold. Möchte jemand schnell einen Goldbarren über das Wochenende kaufen, kann er sich inzwischen an Automaten in deutschen Städten bedienen nach dem Motto: Gold-to-go (siehe "Metall-Splitter").

Deutsche flüchten vor allem aus Angst vor einer Mega-Inflation ins Metall. Zwar ist es schon Generationen her, das Geld rasant an Wert verlor und Millionen Reichsmark für ein Brötchen hingelegt werden mussten. Doch angesichts von milliardenschweren Konjunkturpaketen und Anleihekäufen durch die Notenbanken in riesigen Volumina fragen sich Anleger, wann ihnen die Rechnung präsentiert wird.

"Ich erwarte in den nächsten fünf Jahren Inflation", sagt Philipp Vorndran, Anlagestratege beim Geldverwalter Flossbach & von Storch. "Notenbanken vergiften mit Anleiheaufkäufen das Finanzsystem, Politiker bauen Schuldentürme auf", sagt ein großer Vermögensverwalter, der lieber ungenannt bleiben möchte. Morgen erwarten Volkswirte eine neue Runde von Staatsanleihe-Aufkäufen in den USA. Mindestens 500 Mrd. Dollar an Treasuries sollen es sein, um die amerikanische Wirtschaft anzukurbeln.

Experten raten deshalb, sichere Häfen anzusteuern. "Mindestens zehn Prozent ihres Geldes sollten Private in Gold anlegen", sagt der Münchner Finanzprofessor Joachim Häcker mit Blick auf die befürchtete Inflation. Viele Geldverwalter geben den gleichen Rat. Derzeit sind es läppische 2,8 Prozent des Gesamtvermögens oder 279 Mrd. Euro, die die Deutschen laut der Steinbeis-Studie in Gold gesteckt haben. Anja Hochberg, Leiterin der Anlagestrategie bei der Credit Suisse, fällt ein klares Urteil: "Deutsche Privatanleger besitzen zwar recht viel Gold, aber der Anteil ist noch deutlich ausbaufähig." Die Deutschen haben laut Steinbeis insgesamt 7 557 Tonnen, damit mehr als Italiener oder Franzosen.

Das sind alles Vorstellungen und Wünsche. In der Realität kann der kleine Goldmarkt schon Käufe in homöopathischen Dosen kaum verkraften, ohne dass die Preise explodieren. Und bereits heute liegt der Preis mit über 1 360 Dollar je Feinunze, das sind 31,1 Gramm, an seinem historischen Rekord von fast 1400 Dollar, der am Freitag erreicht wurde.

Ein Rechenbeispiel: Allein wenn deutsche Private ihre Quote am Gesamtvermögen nur um einen Prozentpunkt erhöhen, müssten sie 100 Mrd. Euro für 3 300 Tonnen Metall einsetzen. Schon diese Menge ist weit höher als die jährliche weltweite Minenproduktion. Darin sind die Anleger aus anderen Ländern und die Großinvestoren wie Pensionsfonds mit ihren deutlich geringeren Quoten noch nicht einmal eingerechnet.

Optimisten gehen mit Prognosen von bis zu 8 000 Dollar hausieren

Bleibt die Frage, ob es bei Gold nach der Verfünffachung des Preises in zehn Jahren schon eine Blase gibt. Experten widersprechen. Goldman Sachs hat seine Zwölfmonats-Prognose auf 1 650 Dollar erhöht. Verwalter Vorndran sagt: "Unterhalb eines Unzenpreises von 2 000 Dollar werden wir unsere Bestände nicht senken." Man kann sich aber auch an James Turk halten. Der Gründer einer Gold-Handelsfirma hält 8 000 Dollar in diesem Jahrzehnt für programmiert.

Gold-Optimist Joachim Berlenbach, erfolgreicher Verwalter von Rohstofffonds, wirft ein anderes Argument in die Waagschale: "Gold und Goldaktien haben einen Anteil am Welt-Finanzvermögen von weniger als einem Prozent." Diese Quote war in den Euphoriephasen im vergangenen Jahrhundert - vor einer Preiswende nach unten - weit höher: Sie erreichte mindestens 20 Prozent. Berlenbach will sagen: Da ist noch viel Luft nach oben.

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  • Gemessen an den offiziellen Reserven ist die Schweiz immer noch der Goldhamster-Weltmeister: 1200 Tonnen auf 7 Mill. Einwohner sind mehr als jede andere Nation hortet - und das selbst nachdem die Schweizerische Nationalbank (Zentralbank) ab 2002 die Haelfte ihrer einstigen Reserven (2500 Tonnen Gold) in einem Anfall geistiger Umnachtung zu Dumpingpreisen verkauft hat ... !!

  • Noch 2008 war alles in Ordnung - so jedenfalls das Gefühl bald aller Marktbeobachter. Gegen Ende 2010 ist alles in Ordnung - so das Empfinden fast aller Marktteilnehmer. Von den beobachtern haben einige dazugelernt. Sie stehen am Spielfeldrand und warten auf den - vorprogrammierten - crash. Die Mutigen sind short seit einiger Zeit und warten, daß das Unvermeidliche geschieht. Wie vielleicht auch 2008 der eine oder andere.

  • Guten Tag,.... ich muss Monsieur Niels Greulich in vielem Recht geben. Dem Handelsblatt Autor Monsieur ingo Narat moechte ich denn doch widersprechen. Die Franzosen haben Unmengen von Goldmuenzen und barren ( keine 999,9 ) wie wir sie kennen in Privatbesitz. ich habe zwar unter keiner bettdecke nachgesehen;.... habe aber schon um die 55 KG ( in Muenzen, vom Louis bis zum Englischen Pfund ) auf einen Haufen gesehen. Der Streubesitz an Goldmuenzen ist der reinste Wahnsinn in Frankreich. Damals dachte ich an Ali baba und die 40 Raeuber. ich versichere ihnen dass ich nicht Ali baba war;.... sondern einer der Raeuber ( bankiers ) die den Krempel zu Geld machten. besten Dank

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