BNP-Chefstratege Redeker
„Es gibt eine starke Hand, die den Euro kauft“

Die Devisenmärkte sind in Aufruhr, der starke Yen bedroht Japan. Hans Redeker, Chef-Devisenstratege der BNP Paribas, erklärt, wie der Anstieg gestoppt werden kann und was hinter der überraschenden Stärke des Euros steht.
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Herr Redeker, der Yen ist heute Nacht massiv gestiegen und ist so teuer wie nie. Was passiert am Devisenmarkt im Moment?

Wir haben bereits in den vergangenen Tagen gesehen, dass japanische Retail-Investoren, die über Carry-Trades sehr starke Long-Positionen in US-Dollar und australischen Dollar gehalten haben, diese Positionen zurückfahren. Heute Morgen hat sich diese Verkaufwelle zu einer regelrechten Panik verstärkt.

Was ist passiert?

Als die Japaner heute an ihren Schreibtisch kamen, lasen sie alarmierende Äußerungen aus dem Ausland. Vor allem die Aussage von EU-Energiekommissar Günther Oettinger, dass die Lage in der Reaktoranlage Fukushima außerhalb einer fachmännischen Kontrolle sei und alles nun in Gottes Händen liege, hat die Investoren verängstigt. 80 Prozent der Kursverwerfungen gehen auf seine Kappe.

Wie bewerten Sie diese Aussagen?

Es ist sicher alles andere als hilfreich, wenn offizielle Stellen außerhalb Japans die Dramatik verschärfen. Und womöglich sind die Aussagen angesichts der aktuellen Situation auch nicht angemessen. Die japanische Regierung hat sich heute Morgen zuversichtlich gezeigt, dass sie den Energiekreislauf in den Griff bekommen kann und von der Notkühlung der Reaktoren wegkommen kann. Der Kraftwerksbetreiber Tepco hat die Fortschritte bestätigt. Insofern ist Panikmache mehr als kontraproduktiv.

Hat die Beruhigung der japanischen Regierung auch zur Stabilisierung des Devisenmarktes im Handelsverlauf geführt?

Es war ein Faktor. Entscheidend ist aber auch, dass die oben erwähnten Positionen der spekulativen Anleger inzwischen laut Daten der Tokioter Börse glattgestellt sind. Von dieser Seite drohen also keine weiteren Gefahren.

Dafür drohen jetzt massive Repatriierungen japanischer Auslandsanlagen, beispielsweise von Versicherern, die infolge des Erdbebens massive Schadenszahlungen leisten müssen.

Das Repatriierungspotenzial in Japan ist riesig, 55 Prozent des japanischen Bruttosozialprodukts sind im Ausland investiert, sei es in Aktien oder Anleihen. Aber die akute Gefahr halte ich für gering. Die Regierung hat klargemacht, dass es keine groß angelegten Repatriierungen geben wird.

Und darauf kann man sich verlassen?

Japan hat kein Interesse an einem hohen Yen, da dies signifikante Probleme nach sich ziehen würde. Die Inlandsnachfrage wird unter der Katastrophe stark leiden, da kann es sich das Land nicht erlauben, über eine Verteuerung der Exporte auch die Auslandsnachfrage abzuwürgen. Außerdem muss Japan sorgfältig auf die Credit Default Swaps, also die Kosten für Kreditausfallversicherungen achten. Diese sind bereits von 78 auf 117 Basispunkte gestiegen. Japan ist in diesem Punkt sehr sensibel…

Warum?

Das Land hat eine Verschuldung von brutto 223 Prozent des Bruttosozialproduktes. Die Gesamtsumme beläuft sich auf 701 Billionen Yen, was mehr als sechs Billionen Euro entspricht. Wenn sich die gestiegenen CDS auf die Renditen von Staatsanleihen übertragen und das werden sie auf kurz oder lang tun, würde sich das Defizit jährlich um 2,8 Billionen Yen erhöhen. Eine solche Zusatzbelastung wäre fiskalisch kaum zu stemmen und würde gravierende konjunkturelle Einbußen nach sich ziehen. Entscheidend für Japan ist jetzt, dass sie die Risikowahrnehmung der Märkte senken, um die CDS wieder einzufangen und die Aktienmärkte zu stützen, deren Verfall in die Gegenrichtung wirkt.

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  • Bruttosozialprodukt??? Ernsthaft? Das gibt es seit 1999 nicht mehr!!!

  • Auch ohne die religiösen Mutmaßungen von Öttinger war mit der Wechselkursbewegung zu rechnen. Insofern ist sein Gerede eh bedeutungslos. Auch inhaltlich hätte er sich sein Schwätzen besser schenken sollen - alle kennen die Tatsachen und können sich selbst je nach persönlichem Gusto mögliche weitere Auswirkungen ausmalen. Seine Spekulationen über den weiteren Verlauf der Katastrophe sind nur ein Sandkorn am Strand der öffentlich geäußerten Meinungen.

    Lobenswert sehe ich die schnelle und klare Reaktion der Zentralbanken. Etwaige Spekulanten werden ihre helle Freude an ihrem Wetteinsatz haben ;-)

  • Redekers Kausalketten sind traditionell erheblich länger und komplexer als der Durchschnitt. Treffsicherer sind sie aber leider nicht.
    Zu "Argument Oettinger":
    Wer hört schon auf das Gerede eines Politikers, der nicht mal die eh schon sehr niedrigen intellektuellen Mindestanforderungen einer deutschen konservativen Partei schafft und daher (wie "ääähh" Stoiber) "entsorgt" werden musste ?

    Zu Thema "Yen Anstieg":
    Komischerweise regen sich bislang ausschließlich Banker über den Yenanstieg auf, keine Regierung, keine Bevölkerung, kein Unternehmen
    Und das heißt: Die Banken haben mal wieder voll auf Risiko gezockt und werden nun vom hohen Yen gnadenlos ausgeknocked und es drohen aberwitzige Verluste.
    Redeker kann da verzwirbelt räsonieren wie er will. Letztlich will er nur, dass die Notenbanken seine vebrennenden Assets aus dem Feuer holen bevor es zu spät ist, sonst nichts.

    Zu "Strategie der Asiaten":
    Die Asiaten haben schlicht keine. Sie verteilen nur ein paar ihrer faulen "Deviseneier" gleichmäßiger auf die versifften (Anlage)nester. Immerhin breiten sich in den absterbenden "Randwirtschaften" Europas Arbeitslosigkeit und Verschuldung immer weiter aus. Asien möchte aber weiterhin seinen Trödel dort abkippen können. Daher die Anleihekäufe. Das ist schon alles.

    Zu Prognose für den Dollar:
    Wer einmal "Ja" zu QE sagt, der sagt auch für immer "Nein" zu höheren Zinsen. Japan ist das beste Beispiel.
    Am Ende bleibt dann nur der Abwertungswettlauf bis auf Null.

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