Britische Währung auf Vier-Jahres-Tief zum Euro
Dem Pfund laufen die Investoren davon

Die Bank von England hat mit ihrer gestrigen Entscheidung, die Leitzinsen unverändert zu lassen, vor allem das britische Pfund stabilisiert. Wie schon am Tag zuvor bei der Vorstellung des – optimistischen – Haushaltsplans des Schatzkanzlers Gordon Brown konnte die Währung gegenüber dem Euro wieder etwas an Boden gut machen. Ein erneuter Zinsschnitt hätte nach Ansicht von Volkswirten den Anreiz für Investoren weiter geschwächt und damit die Währung auf ein Niveau gebracht, das Analysten langsam unheimlich wird.

LONDON. Denn seit Oktober erlebt das Pfund einen kräftigen Verfall gegenüber dem Euro – weniger stark zwar als der Dollar, aber dennoch geht es in dieselbe Richtung. Bekam man für ein „Quid“ im vergangenen Herbst noch rund 1,60 Euro, ist der Kurs mittlerweile auf 1,45 Euro zurück gegangen – so niedrig war er seit vier Jahren nicht. Paradox daran: Die Differenz zwischen den Leitzinsen der Bank von England (3,75 %) und der Europäischen Zentralbank (2,5 %) ist heute höher als vor einem Jahr, was die Anleger eigentlich auf die Insel ziehen sollte. Auch die britische Wirtschaft wächst jüngsten IWF-Schätzungen zufolge erneut stärker (+2 %) als die der Euro-Länder (+1,1 %).

Vordergründig sind die Entwicklungen beim Pfundkurs – auch hier dem Dollar ähnlich – mit der Entwicklung des Irak-Krieges zu erklären. Doch es steckt mehr dahinter: Die Abwertung der Währung spiegelt auch die Skepsis der Investoren wider. Unter der Fassade der prosperierenden Wirtschaft lauern Risiken. Ähnlich wie in Amerika ist eine Blase am Immobilienmarkt entstanden. Platzt diese, könnte das ähnlich verheerende Auswirkungen auf die Wirtschaft haben wie ein abrupter Stopp des Konsums, einer der wichtigsten Säulen der Wirtschaft. „Die Bank von England muss erst beweisen, dass sie die vorhandenen Risiken im Land bewältigen kann“, sagt Alex Patelis, Währungs-Stratege der Investment-Bank Merrill Lynch. Langfristig sorgen sich die Anleger zudem vor einem Rückfall der Labour-Regierung in alte Laster: eine massive Erhöhung der Steuern und Ausgaben (Tax and Spend). „Hier wirkt noch der Budgetplan von 2002 nach“, sagt Patelis. Der Schatzkanzler kündigte vor gut einem Jahr ein Füllhorn staatlicher Leistungen an, das allerdings dank langfristiger und massiver Neuverschuldung überhaupt erst entstehen konnte.

Doch die Abwertung hat Vorteile. So bringt der Kursverlust die britische Währung auf ein Niveau, das Volkswirte als angemessen für einen Beitritt zum Euro-Raum bezeichnen. Das dürfte den skeptischen Schatzkanzler zwar kaum dazu bewegen, in der ersten Juniwoche ein Euro-Referendum auszurufen, doch das steht auf einem anderen Blatt. Der Kursverlust wirkte geradezu befreiend, war das Pfund über Jahre hinweg doch massiv überbewertet. „Das Ende der hohen Pfundkurse hilft auch, die zwei Geschwindigkeiten in der britischen Wirtschaft einander anzupassen“, sagt Erik Britton von der Unternehmens-Beratung Oxford Economic Forecasting. So stellt auf der einen Seite der für die Volkswirtschaft wichtigste Sektor Dienstleistungen die größte Stütze. Auf der anderen Seite steckt dagegen das exportorientierte Verarbeitende Gewerbe seit Jahren in der Rezession. Auf dem aktuellen Kursniveau ist zumindest Besserung in Sicht, auch wenn die Volkswirte keine große Hoffnungen auf eine Wende machen.

Allerdings macht sich manch ein Experte Gedanken über mögliche Übertreibungen: Britton sieht eine Wahrscheinlichkeit von immerhin 30 %, dass das Pfund noch weiter fällt – wie stark, lässt er offen. Auch die Merrill-Analysten glauben, dass das Pfund bis Ende 2004 weiter nachgibt, und zwar deutlich: Sie sehen ein Ende bei einem ungefähren Wechselkurs von 1,31 . Das hätte starke Konsequenzen, warnt Britton: „Wenn sich das Verhältnis gegenüber dem heutigen Niveau weiter verschlechtert, könnte die Zentralbank die Zinsen anheben, um die Attraktivität der Währung zu erhöhen.“ Höhere Zinsen könnten dann eine verheerende Spirale in Gang setzen. Dies würde die bislang ausgabefreudigen Verbraucher ebenso bremsen wie Hausbesitzer, deren Kreditzinsen an die Leitzinsen gekoppelt sind. Ihr Konsumverzicht könnte die britische Wirtschaft in eine Schieflage bringen. Im britischen Interesse sollten also niemand auf eine zu starke Abwertung des Pfundes hoffen.

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