Devisen
Yen-Anstieg verunsichert die Anleger

Auf dem Höhepunkt der Finanzkrise gehen nur noch wenige Anleger riskante Carry-Trades ein. Das treibt den Kurs des Yen nach oben. Für die japanische Wirtschaft ist das ein Schreckensszenario.

TOKIO. Der japanische Yen stabilisiert sich derzeit auf niedrigem Niveau. „Eine Erholung der Risikobereitschaft ist derzeit das Thema am Yen-Markt“, schreiben Analysten der Credit Suisse. Die weltweite Erholung der Aktienkurse habe den Absturz der japanischen Währung seit September aufgehalten. Die Analysten sehen den US-Dollar in den kommenden Tagen in einem Band zwischen 96 Yen und 104 Yen. Auch gegenüber dem Euro könnte er angesichts des neuen Optimismus in Europa weiter fallen.

Der Yen hat gegenüber dem Euro seit August 18 Prozent aufgewertet und befindet sich jetzt auf dem Niveau von Anfang 2006. Analysten sehen jedoch eher die Yen-Schwäche der vergangenen zwei Jahre mit Notierungen von 170 Yen pro Euro als Abweichung von der Norm als die derzeitigen Notierungen um 140 Yen. Damals hatte eine besondere Art von Geschäften den Yen billig gehalten: Anleger liehen sich in Japan zu niedrigen Zinsen Geld und legten es in anderen Ländern renditestark an. Solche Geschäfte heißen Carry Trades. Die Anleger müssen dafür am Markt die Zielwährung kaufen und im Gegenzug Yen verkaufen. Sie drücken dadurch den Preis der japanischen Währung. Das Volumen dieser Geschäfte ist seit Beginn der US-Kreditmarktkrise stark geschrumpft. Carry Trades funktionieren nicht, wenn hohe Risiken drohen oder die Zinsen im Zielland ebenfalls sinken.

Dennoch gibt es derzeit wilde Anleger, die ihre Finger nicht vom Risiko lassen können. „Die größten Positionen, die Spekulanten derzeit noch halten, befinden sich im Devisenmarkt“, schreibt Stratege David Woo von Barclays Capital. In andere Anlageklassen sei Vorsicht eingekehrt, deshalb erstaune ihn das Ausmaß der Währungsgeschäfte. Die Investoren wetten vor allem auf eine Aufwertung des Dollars, der im Vergleich der vergangenen Jahre niedrig steht.

Doch auch der Yen ist noch Zielobjekt solcher Wetten, wenn auch in geringerem Ausmaß als vorher. „Die entsprechende Yen-Kreditaufnahme bei japanischen Banken liegt niedriger als auf ihrem Höhepunkt 2007, aber immer noch über dem Durchschnitt seit 1995“, schreibt Woo. Gewinn ist bei diesen hochriskanten Geschäften nur möglich, wenn der Yen entgegen den Erwartungen von Analysten demnächst wieder fällt.

Als Erklärung für die rege Tätigkeit am Devisenmarkt vermutet Woo, dass sich Investoren gegen andere Risiken absichern wollen, die sich gegenläufig bewegen. Wenn Aktien fallen, steigt meist der Yen. Wenn Öl fällt, steigt meist der Dollar. Ergebnis dieses Verhaltens ist eine besonders hohe Volatilität der Währungen.

Wenn auch diese letzte Bastion des Carry Trades nach einigen geplatzten Geschäften noch fällt, dann ist eine weitere Aufwertung des Yen zu erwarten. Je nachdem, ob weitere schlechte Nachrichten in Amerika und Europa folgen, dürfte der Wert der japanischen Währung zusätzlich steigen. Für Japans Wirtschaft bedeutet das ein Scheckensszenario. Das Wachstum hängt vom Export ab. Dessen Wert fällt, wenn der Yen steigt.

Beispiel Toyota. Als Faustregel gilt, dass jeder Yen Kursanstieg den Autohersteller aufs Jahr gesehen knapp 300 Mio. Euro an operativem Gewinn kostet. Die Prognosen des Konzerns basieren auf der Annahme, dass der Dollar bei etwa 105 Yen liegt, und damit einen Yen billiger als der aktuelle Kurs. Toyota erzielt aktuell 34 Prozent seines Umsatzes in Nordamerika, in Asien sind es nur 13 Prozent. Die Toyota-Aktie fiel seit Juli um 25 Prozent. So ähnlich sieht es auch bei Sony, Panasonic und den anderen starken Exporteuren aus.

Während der Kette von schlechten Nachrichten von implodierenden Wallstreet-Banken gewann die japanische Währung Devisenmarkt nachhaltig an Wert, während verunsicherte Anleger aus den zusammenbrechenden Finanzmärkten Amerikas und Europas fliehen. „Wegen der japanischen Wirtschaft ist zwar auch nicht direkt Optimismus angesagt. Aber im Vergleich zu den USA, dem Euroraum und anderen wichtigen Währungen erscheint der Yen als das kleinere Übel“, fasst Devisenexperte Minoru Shioiri von Mitsubishi UFJ zusammen.

Finn-Robert Mayer-Kuckuk
Finn Mayer-Kuckuk
Handelsblatt / Korrespondent Peking
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