Devisenhandel
Computer übernehmen die Macht

Der weltweite Devisenmarkt wächst rasant. Der Handel mit Währungen wurde durch die Finanzkrise zusätzlich beflügelt. Doch für den Aufstieg ist vor allem der umstrittene computergesteuerte Handel verantwortlich. Die Algorithmen bewegen die Märkte.
  • 2

LONDON/FRANKFURT. Schlechte Zeiten sind offenbar gute Zeiten für den Devisenmarkt. Während der Finanzkrise und der europäischen Schuldenmisere wechselten weltweit jeden Tag im Schnitt Währungen im Gegenwert von vier Billionen Dollar den Besitzer, ein einsamer neuer Rekord. Gegenüber dem Jahr 2007 entspricht das einem Plus von 20 Prozent, seit 2004 hat sich das Volumen sogar verdoppelt. Allein in der Londoner City, dem Top-Finanzplatz im Devisengeschäft, werden jeden Tag Währungen im Gegenwert von 1,47 Billionen Dollar gehandelt.

Nirgendwo wird so viel Geld bewegt wie auf dem Devisenmarkt. Für den ungebrochenen Boom ist allerdings nicht das Wachstum des Welthandels verantwortlich - mittlerweile übertrifft das Volumen am Devisenmarkt die Handelsströme von Gütern und Dienstleistungen um den Faktor 70. Auch der Aufstieg der Schwellenländer und deren Währungen reicht als Erklärung nicht aus. Grund sind vielmehr die Marktteilnehmer selbst. Neben den Banken drehen längst auch Hedge-Fonds, Pensionsfonds und Versicherungen ein immer größeres Rad.

Am schnellsten wächst der Einfluss einer ebenso neuen wie umstrittenen Anlegerklasse, deren rasanter Machtgewinn bereits an den Aktienmärkten das Misstrauen der Aufseher auf sich gezogen hat. Die Rede ist von Algo-Tradern, Händlern, die sich nicht mehr auf ihre Marktkenntnis oder ihre Instinkte verlassen, sondern mit Hilfe von ausgefeilten Computerprogrammen nach Trends und kleinen Ungleichgewichten an den Märkten suchen, die sie gewinnbringend ausnutzen können.

Für Aufregung sorgten in den vergangenen Monaten vor allem die sogenannten High-Frequency-Trader, eine Subspezies der Algohändler, deren Hochleistungsrechner die Märkte rund um den Globus im Rhythmus von Mikrosekunden mit Kauf- und Verkaufsaufträgen bombardieren. Spätestens seit dem sogenannten Flash-Crash an der New Yorker Börse stehen sie unter Generalverdacht. Am 6. Mai hatte der Dow-Jones-Index binnen weniger Minuten rund 1000 Punkte verloren. Bis heute sind die Ursachen für den Einbruch nicht bekannt, aber Kritiker fürchten, dass die Systeme der High-Frequency-Trader außer Kontrolle geraten und so Börsenabstürze auslösen können. Mitte dieser Woche hat die Chefin der US-Börsenaufsicht SEC, Mary Schapiro, eine umfassende Reform der Marktregeln angekündigt, um mit der wachsenden Macht der Algo-Trader fertig zu werden.

Die Beratungsgesellschaft Tabb Group schätzt, dass die Computertrader in den USA bereits 60 Prozent des täglichen Handelsvolumens an den Aktienbörsen ausmachen. Am Devisenmarkt scheint die Entwicklung in die gleiche Richtung zu gehen: "2009 kam der Hochgeschwindigkeitshandel im weltweiten Währungsgeschäfts auf einen Marktanteil von etwa 25 Prozent, und wir spüren bereits, dass der Einfluss weiter wächst", erläutert David Rutter, Chef von ICAP Electronic Broking, einer der weltweit führenden Plattformen im Devisengeschäft. Zum gleichen Urteil kommen auch die Berater der Aite Group. Sie gehen davon aus, dass der Anteil der High-Frequency-Trader im Devisenhandel bis Ende 2012 auf 40 Prozent steigt.

Seite 1:

Computer übernehmen die Macht

Seite 2:

Kommentare zu " Devisenhandel: Computer übernehmen die Macht"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • ich kann diesen ganzen Hype um das Algo-Trading nicht wirklich nachvollziehen - wo bleibt denn da der Spaß am gelungenen Deal, der eigenen Einschätzung, dem Risiko eben, welches das Salz in der Tradingsuppe ist?

  • Wie lange hat das Hb geschlafen?

    HFT und Algohandel sind seit Jahren an der Tagesordnung und haben u.a. den großen instituten die für viele unerklärlichen Milliardengewinne nebst boni verschafft - auch und vornehmlich die nach der Krise, dem Paradies der kostenlosen Liquidität. immerhin sorgten sie auch für eine gewisse Sicherheit, da sie Trends zu stabilisieren pflegen - mit dem einen oder anderen Ausrutscher (vermutlich: menschlicher Eingriff, Stromausfall oder sexueller Ge- oder Mißbrauch). Andererseits degradieren sie die hart ackernden Marktteilnehmer schon mal zu staunenden Statisten, so etwa, wenn Märkte steigen, obwohl sie nach allen bekannten Fakten fallen müßten (und vice versa). Die Erklärungen liefern dann die um nichts klügeren Medien nebst Analysten zum Frühstück nach - manche brauchen allerdings dazu Jahre, nicht wahr, Hb.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%