Die meisten Ölfelder sind bereits erschlossen
Nordseereserven gehen langsam zur Neige

Als sich vor dreißig Jahren zum ersten Mal die Chefs der großen Ölkonzerne in Stavanger zur Messe Offshore Northern Seas (ONS) trafen, lief die Förderung in der Nordsee gerade erst an. Heute bezieht Deutschland rund ein Drittel seines Erdöls aus der Region – doch deren Vorkommen stoßen an ihre Grenzen. Da ändert auch der hohe Ölpreis wenig.

HB STOCKHOLM. „Wir haben bereits ein sehr hohes Investitionsniveau“, sagte Helge Lund, Chef des größten norwegischen Ölkonzerns Statoil, gestern zum Start der ONS. Der alle zwei Jahre abgehaltene Industrietreff ist ein Stelldichein der Ölmultis, hier werden neue Fördertechnologien ebenso diskutiert wie der hohe Ölpreis. Norwegens Energieministerin Thorhild Widvey sagte in ihrer Eröffnungsrede, dass ihre Regierung von einem Preisniveau von „über 30 Dollar je Barrel auch 2005“ ausgehe. Der Preis für Nordseeöl (Brentöl) lag gestern bei 43,65 Dollar.

Das Interesse an der ONS ist verständlich: Deutschland bezieht rund ein Fünftel seines Rohöls aus Norwegen, nur zehn Prozent kommen aus allen arabischen Ländern zusammen. Beim Erdgas ist die norwegische Dominanz noch größer: Etwa ein Drittel wird über Unterwasserpipelines aus Norwegen nach Emden und Dornum gepumpt.

Doch obwohl die Ölförderung für die in der Nordsee operierenden Konzerne durch den hohen Ölpreis deutlich lukrativer geworden ist, rechnen die meisten Experten nicht mit einem spürbaren Anstieg der Ausgaben. „Das geht auch gar nicht, da die meisten Ölfelder auf dem britischen und norwegischen Sockel erschlossen sind“, wie ein Ölanalyst in Oslo bestätigte. Und Richard Scarborough vom norwegischen Öl- und Energieministerium bestätigte, dass „die Produktionsgrenze nahezu erreicht“ sei.

Der staatlich kontrollierte norwegische Ölriese Statoil hofft dennoch, in den kommenden Jahren seine Ölproduktion von derzeit etwa 1,12 Mill. Barrel am Tag auf rund 1,35 Mill. Barrel 2007 hochzufahren. Doch das wird nicht nur in der Nordsee geschehen. Der Konzern schaut sich weltweit nach Kooperationen um und fördert schon heute Öl auch in Afrika, Iran und im Kaspischen Meer. Ölexperte Scarborough vom Osloer Energieministerium, das den Großteil der Ölindustrie auf dem norwegischen Sockel kontrolliert, rechnet noch mit Rohölreserven in der Nordsee für die kommenden 50 Jahre. Beim Erdgas sieht er eine Förderdauer von rund 100 Jahren.

Doch britische und norwegische Ölfachleute haben sich schon früher geirrt: Immer wieder wurden die Reserven nach oben revidiert, weil Ingenieure neue, noch effektivere Fördermethoden entwickelt hatten. So sind mittlerweile die meisten klassischen Bohrinseln verschwunden. Sie wurden durch kleine, am Boden der Nordsee in zum Teil rund 1 000 Meter Tiefe installierte Fördereinheiten ersetzt. Dadurch kann das Öl aus den Reservoirs waagerechter angezapft und die Vorkommen können besser ausgenutzt werden.

Die enormen Investitionen in die immer komplizierteren Fördertechniken haben aber langfristige Lieferverträge notwendig gemacht. Die Erdgas-Vorkommen im Snøvit-Feld in der arktischen Barentssee werden beispielsweise von der Inbetriebnahme der Anlage in zwei Jahren bis zur vollständigen Leerung ausschließlich in die USA und nach Spanien geliefert. „Wir brauchen diese Abnahmegarantie“, sagt ein Statoil- Sprecher. Nur so lasse sich das Sechs-Milliarden-Euro-Projekt finanzieren.

Umstrittener sind die gestern in Stavanger erneuerten Pläne der norwegischen Regierung, in der ökologisch sensiblen Arktis nach weiteren Ölfeldern zu suchen. Dort sollen nach Schätzungen des norwegischen Ölministeriums etwa vier Milliarden Kubikmeter Öl lagern. Umweltschützer protestierten bereits bei der ersten Präsentation dieser Pläne Ende vergangenen Jahres, doch Statoil-Chef Lund betonte gestern noch einmal die wirtschaftliche Bedeutung der Ölförderung in dieser Region. „Wenn wir es nicht tun, dann machen es die Russen.“ Und damit wollte Lund deutlich machen, dass die Umwelt offenbar stärker profitiere, wenn sein Konzern in der arktischen Region tätig werde.

Helmut Steuer berichtet für das Handelsblatt aus Skandinavien. Regelmäßig ist er auch in der Ukraine unterwegs.
Helmut Steuer
Handelsblatt / Korrespondent
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