Digitalwährung
Der Bruderkrieg im Bitcoin-Lager

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Glaubenskrieg der Gralshüter

Die Anhänger von Bitcoin Cash sehen sich als eigentliche Gralshüter der Bitcoin-Ursprungsidee: Ihr Lösungsvorschlag, um den Bitcoin für steigende Nutzerzahlen fit zu machen, sei einfacher und halte sich enger an das ursprünglich verkündete Ziel, ein weltweites Zahlungssystem aufzubauen. Die Anhänger des Original-Bitcoins wiederum argumentieren, dass ihre Vision sehr viel weiter reiche, die Bitcoin-Blockchain mit neuen Funktionen verbessern könnte. Die technologischen Neuerungen von Segwit2x gingen weit über eine Erhöhung der Blockgröße hinaus.

Wer von den beiden Gruppen nun Recht hat, ist für Außenstehende schwer zu durchschauen. Inzwischen ähnelt die Debatte mehr einem Glaubenskrieg, als einem rationalen Abwägen des Für und Wider. Inzwischen machen sogar Verschwörungstheorien die Runde, nach denen das Scheitern von Segwit2x ein abgekartetes Spiel gewesen sein soll, um Bitcoin Cash anzuschieben.

Im Gegenzug verweisen Bitcoin-Cash-Anhänger auf das zunehmend zentralisierte und undemokratische Bitcoin-System, ein Trend, auf den zuletzt unter anderem die Harvard-Forscherin Primavera De Filippi hingewiesen hat. Auch Daniele Bianchi von der Warwick Business School sieht die Gefahr einer „fortschreitenden Zentralisierung des Bitcoins-Abbaus in Richtung großer Server“. Dies verstoße fundamental gegen den ursprünglichen Vorschlag Nakamotos.

Egal, wie der aktuelle Zwist ausgeht, ein Opfer steht bereits fest: der Bitcoin. Denn der Bruderkrieg kommt zur Unzeit. Gerade erst hatten Spekulationen über eine bevorstehende Zulassung eines Bitcoin-Terminkontrakts (Futures) durch die größte Börse der Welt, die Chicagoer CME, für immer neue Kurs-Feuerwerke geführt.

Ein solcher würde der Kryptowährung in den Augen von Experten die Tür zum Massenmarkt öffnen. „Der Bitcoin-Future könnte sich als Scheideweg für den digitalen Taler herausstellen“, sagte Analyst Timo Emden vom Brokerhaus IG der Nachrichtenagentur Reuters. „Bei einer Zulassung wäre Bitcoin mit einem Fuß im Mainstream angekommen.“ Vermutlich würde dann schnell ein Bitcoin-Indexfonds folgen; Anträge hierfür liegen bereits bei der Finanzaufsicht in den USA und der Schweiz vor.

Und nicht nur die großen Börsen haben begonnen, sich für den Bitcoin zu interessieren. Zuletzt hatten sich auch Goldman-Sachs-Chef Lloyd Blankfein und EZB-Direktor Benoît Cœuré positiv zu Kryptowährungen geäußert: Man nehme sie ernst, so die einhellige Meinung. Auch der CEO der Citigroup, eine der vier größten US-Banken, Michael Corbat, erklärte, er sei überzeugt von den „aufkeimenden“ Technologien.

Noch vor einem Jahr waren Kursschwankungen von bis zu 50 Prozent eher die Regel als die Ausnahme. Diese Phase schien überwunden. Sollten die derzeitigen Kursschwankungen um Tausende Dollar innerhalb weniger Stunden aber anhalten, gar eine weitere Spaltung des Bitcoin drohen, dann könnte es schnell vorbei sein mit der vorsichtigen Neugier der Finanzmärkte. Am Wochenende musste eine der größten Krypto-Börsen, Bithump aus Seoul, den Dienst einstellen. Die Server hatten unter der Last der heftigen Kursbewegungen nachgegeben. Der Handel wurde ausgesetzt, was zu Protesten durch erzürnte Anleger führte.

Derzeit ist alles andere als ausgemacht, dass der Bitcoin nicht erneut in ein Nischendasein stürzt, wie er es nach dem ersten Höhenflug – und darauf folgendem Absturz – von 2013 bis 2015 schon einmal geführt hat.

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Kommentare zu " Digitalwährung: Der Bruderkrieg im Bitcoin-Lager"

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  • @ G. Nampf
    "Bei der herkömmlichen Überweisung dauert es einen Tag (Online) bzw. mehrere Tage (Papierüberweisung übers Wochenende) , also wo ist das Problem?"

    Man kann mit Kryptos ja nicht nur Transaktionen tätigen (beispielsweise von Deutschland aus an einen Geschäftspartner in Chile oder in Hintertupfingen), sondern auch im Shop direkt bezahlen (wenn der Tauschpartner Krytos akzeptiert).
    Wenn Sie nun mit Bargeld bezahlen oder "mit Karte", dann haben Sie direkt die Ware (beispielsweise wie unter erwähnt Ihren Kaffee) und der Anbieter / Tauschpartner direkt die Kohle bar oder auf seinem Konto (denn Ihre "Karte" muss üblicherweise gedeckt sein, um damit bezahlen zu können).
    Bis jedoch eine Bezahlung / Transaktion mit Bitcoin bestätigt ist, kann es mittlerweile u.U. eine ganze Weile dauern (in der Anfangszeit wurde die Transaktion de facto umgehend bestätigt). Wenn Sie nun allerdings Ihren Kaffee nicht im Shop trinken wollen, sondern einen "Coffee-to-go" möchten, dann hat der Verkäufer ein Problem: er kann sich nicht SICHER sein, ob die Transaktion auch bestätigt wird, und die Bitcoins in seinem Wallet "gutgeschrieben" werden.
    Auch hier nimmt also bei einer Kryptowährung mit langsamerer Transaktionsgeschwindigkeit der Grenznutzen gegenüber einer mit schnellerer ab.

  • "Teilweise dauert es Stunden, bis eine Überweisung ausgeführt wird, auch die Kosten sind gestiegen."


    Bei der herkömmlichen Überweisung dauert es einen Tag (Online) bzw. mehrere Tage (Papierüberweisung übers Wochenende) , also wo ist das Problem?

  • @ Heinz Keizer
    "Das ist reine Spekulation und völlig unseriös."

    Nein. Auch hier liefert die Erklärung NUR die Geldtheorie der Austrians:
    "Die monetäre Nachfrage wiederum hat sogar drei Aspekte: Erstens die erwähnte Absatzfähigkeit, die einer Nachfrage nach zusätzlichen Tauschmöglichkeiten entspricht. Zweitens eine Nachfrage nach Tauscherleichterung. (...) Die dritte Nachfrage monetärer Art ist die SPEKULATIVE Nachfrage. Jedes Gut, das davor steht, als allgemeineres Tauschmittel anerkannt zu werden, entwickelt sich blasenähnlich: Durch die zusätzliche monetäre Nachfrage steigt der Wert auf ein Vielfaches. Da dies manche Marktakteure in unterschiedlichem Maße vorausahnen können, setzt eine spekulative Nachfrage ein, also eine Nachfrage, die dieser Wertsteigerung vorgreift." (Rahim Taghizadegan et al.: Österreichische Schule für Anleger, München: FinanzBuch Verlag, 2014, S. 83)

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