Dramatischer Einbruch
Zuckerpreis unter Druck

„Der Weltzuckermarkt ist komplexer geworden“, sagt Peter Baron, Präsident der Internationalen Zuckerorganisation (ISO) in London, „die Preise werden in Zukunft stärker schwanken als bisher.“ Derzeit sieht es so aus, als würden sie erst einmal länger fallen: Seit den Höchstpreisen vom Mai ist der Preis je Tonne Zucker von fast 500 Dollar inzwischen auf 354 Dollar gesunken.

SAO PAULO. Für den Preisrückgang gibt es mehrere Gründe: Nach drei Jahren Defiziten auf dem weltweiten Zuckermarkt werden die Produzenten im gerade begonnenen Erntejahr (Oktober 2006/September 2007) erstmals wieder einen Überschuss von rund 2,2 Mill. Tonnen produzieren. Die ISO rechnet damit, dass die Weltproduktion um 3,2 Prozent auf insgesamt 156 Mill. Tonnen steigen wird. Das britische Zucker-Handelshaus Czarnikow hat gestern ebenfalls die Prognose für 2006/07 angehoben und rechnet nun mit einem Mehrangebot von 5,1 Mill. Tonnen. Den Anstieg begründet Czarnikow in seinem Monatsbericht mit dem guten Wetter und der größeren Anbaufläche. Dabei sei die höhere Produktion „eine direkte Antwort auf die höheren Preise im Jahr 2005“, schreibt Czarnikow.

Auch nach Einschätzung der Internationalen Zuckerorganisation haben die hohen Preise im ersten Halbjahr zu einer Ausweitung des Anbaus weltweit geführt. Brasilien und Indien – die zwei größten Produzenten – haben ihre Zuckerrohrfelder vergrößert und können aus klimatischen Gründen mit einer guten Ernte rechnen. Aber auch China, nach der Europäischen Union (EU) der viertgrößte Produzent weltweit, wird seine Erntemenge um 17 Prozent steigern. Gleichzeitig werden große Konsumenten ihre Importe reduzieren: Das sind vor allem Russland (minus 3,5 Prozent) und die USA (minus 29 Prozent). Beide Staaten produzieren selbst mehr Zucker und können ihren Eigenbedarf decken. Die Hoffnungen der Zuckerbranche ruhen damit heute voll auf Asien. Dort werden die höchsten Zuwachsraten des Konsums erwartet.

Überraschend ist, dass die Produktion genau dann wächst, wenn die EU als drittgrößter Produzent weltweit ihre Produktion massiv beschneidet: Rund 4,7 Mill. Tonnen Zucker weniger wird die EU in der kommenden Saison herstellen – und so versuchen, ihre traditionelle Überproduktion an den Konsum anzupassen. Der schrittweise Rückzug aus der teureren Rübenzuckerproduktion in der EU führt dazu, dass schon jetzt rund 80 Prozent allen Zuckers weltweit aus Rohr gewonnen wird. In den 80er- Jahren, als die EU noch weltweit der größte Produzent war, entstanden insgesamt 60 Prozent des Zuckers aus Rüben.

Weil die EU jetzt ihre Überschüsse nicht mehr nach Nahost und Afrika exportiert, sind dort neue Absatzmärkte für die größten Exporteure Brasilien, Australien und Thailand entstanden: Brasilien wird allein die knapp fünf Mill. Tonnen Zucker, welche die EU nun weniger produziert, auf dem Weltmarkt anbieten. Damit stellt Brasilien mit Ausfuhren in Höhe von 21 Mill. Tonnen rund zwei Drittel des Weltexportmarktes. Auf Australien, weltweit die Nummer zwei, entfällt ein Exportanteil von rund 13 Prozent.

Der Rückzug der europäischen Union aus dem Weltzuckermarkt hat darüber hinaus noch eine andere Entwicklung ausgelöst: Vor allem afrikanische und arabische Staaten haben seit zehn Jahren massiv in Raffineriekapazitäten gesteckt. Sie beziehen jetzt Rohzucker – vor allem aus Brasilien – und stellen daraus wegen der günstigen Energiekosten an ihren Standorten Weißzucker her. Inzwischen ist die Hälfte des weltweit gehandelten Zuckers der billiger zu transportierende Rohzucker.

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