Drastischer Kursverfall
Russland droht eine neue Rubelkrise

Der russische Rubel verliert immer stärker an Wert. Den erst vor wenigen Tagen von der Zentralbank formulierten Mindestkurs droht die russische Währung zu durchbrechen. Die Notenbank stellt das vor ein Dilemma: Will sie eine Rubel-Krise verhindern, muss sie mit Milliardensummen gegensteuern. Dieses Geld braucht sie jedoch an anderen Krisenherden in der Wirtschaft ebenso dringend.

DÜSSELDORF. Die Ruhe in Moskau währte nicht einmal zwei Wochen: Am 22. Januar hatte die russische Zentralbank angekündigt, die Politik der kleinen Abwertungsschritte für den Rubel zu beenden und diesen den Marktkräften zu überlassen. Vor allem wollte die Notenbank nicht länger Milliarden in die Stützung der Landeswährung investieren, um den fortschreitenden Verfall der eigenen Währungsreserven zu stoppen. Für kurze Zeit stabilisierte das den Rubel. Doch inzwischen hat sich die Talfahrt der russischen Devise sogar noch beschleunigt. Am Montag mussten für einen Dollar erstmals mehr als 36 Rubel gezahlt werden.

Zum Währungskorb der Notenbank, bei dem der Dollar mit 55 Prozent und der Euro mit 45 Prozent berechnet wird, stieg der Rubel in der Spitze auf Kurse von 40,80 Rubel. Damit steht die Politik der ruhigen Hand, die Zentralbankchef Sergey Ignatiev kürzlich ausgegeben hatte, schon wieder auf der Kippe. Ignatiev hatte einen Kurs von 41 Rubel zum Währungskorb als Mindestkurs für die russische Währung ausgegeben. Um diesen zu halten, muss die Notenbank nun voraussichtlich weitere Milliarden in den Markt pumpen.

„Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Zentralbank erneut stützend in den Markt eingreift“, sagt Hans-Harwig Wild, Währungsanalyst und Osteuropa-Experte beim Bankhaus Metzler. Die Erfolgsaussichten sind seiner Meinung nach allerdings gering: „Es gibt keine Zeichen für Hoffnung. Im Moment hat die Notenbank so gut wie keine Möglichkeit, dem Trend entgegenzuwirken.“ Am Montag erhöhte die Zentralbank als Akut-Maßnahme eine Reihe von Zinssätzen, um so die verfügbare Rubel-Liquidität zu verknappen.

Seit August hat der Rubel mehr als ein Drittel an Wert verloren. Hohe Mittelabflüsse ausländischer Investoren sowie der rasante Verfall des Ölpreises lasten massiv auf der russischen Währung. die Zentralbank reagierte über Monate mit einer Politik der Trippelschritte und wertet den Rubel sukzessive in geringem Umfang ab. Insgesamt senkte die Bank Rossii das Zielbank für den Rubel-Kurs 20 mal, ehe sie vor anderthalb Wochen den großen Schritt wagte und die Richtmarke massiv zurücknahm.

Die lange Zeit zögerliche Politik von Notenbankchef Ignatiev erklärt sich aus der historischen Erfahrung der Krise im Jahr 1998. Damals musste die russische Regierung den Rubelkurs freigeben, worauf dieser binnen eines Tages um 29 Prozent und insgesamt um 50 Prozent abwertete. Mit dem offenen Ausbruch der Rubel-Krise wurde der russische Staat zahlungsunfähig. Er brauchte Jahre, um sich von diesem Schock zu erholen.

Um ein ähnliches Szenario in der aktuellen Krise zu verhindern, zahlt die russische Politik einen hohen Preis. Die durch den jahrelangen Anstieg der Ölpreise prall gefüllten Devisenreserven sind in den vergangenen Monaten spürbar zusammengeschmolzen. Mehr als ein Drittel der Rücklagen hat die Zentralbank bereits aufgebraucht. Mittlerweile liegen die Reserven bei weniger als 390 Milliarden Dollar.

Das ist im internationalen Vergleich zwar nach wie vor der drittgrößte Währungsschatz, doch die schwindenden Rücklagen treffen Russland zur Unzeit. Wegen des massiven Preisverfalls am Ölmarkt steuert der russische Staat auf ein deutliches Budgetdefizit zu. Der stellvertretende russische Finanzminister Dimitri Pankin hatte Ende Oktober erklärt, dass bei einem Ölpreis von 60 Dollar ein ausgeglichener Haushalt erzielt werden könne. Inzwischen kostet das Fass Öl jedoch seit Monaten weniger als 50 Dollar. Zwischenzeitlich war der Preis für die US-Sorte WTI sogar bis auf weniger als 33 Dollar gesunken.

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