Einbruch der Nachfrage nach Luxusgütern
Diamantenmarkt fehlen kaufkräftige Banker

In der Diamantenindustrie schrillen die Alarmglocken. Wie die Autohersteller leidet auch die Edelsteinbranche unter einer tiefen Absatzkrise, der tiefsten seit Jahrzehnten. Vor allem kleine und mittelgroße Steine verlieren deutlich an Wert.

KAPSTADT. Nachdem der Absatz in der ersten Hälfte des vergangenen Jahres noch kräftig zugelegt hatte, ist die Nachfrage seit der Eskalation der Finanzkrise im September eingebrochen. Zugleich sind die Diamantenpreise im Vergleich zum letztjährigen Höchststand zwischen 30 und 60 Prozent gefallen - und vieles deutet darauf hin, dass diese Entwicklung in den nächsten Monaten anhalten wird. Eine Erholung erwarten Brancheninsider wie Des Kilalea von RBC Capital Markets frühestens zum Jahresende, vermutlich aber erst Weihnachten 2010. Zuvor müssten erst die auf inzwischen fast 50 Mrd. Dollar geschätzten Lagerbestände abgebaut werden, heißt es aus Kreisen der Industrie.

Branchenkenner wie der israelische Diamantenveteran Chaim Even-Zohar rechnen bis Oktober mit einem weitere Rückgang der Nachfrage um bis zu 60 Prozent. Das ist umso verblüffender, als der Sektor noch vor zwölf Monaten als besonders vielversprechend galt. Im Gegensatz zu Gold, das von Anlegern in Krisenzeiten erworben wird, haben sich Diamanten jedoch als reiner Luxusartikel erwiesen, für den sich in der Rezession nur noch wenige erwärmen können.

Das spiegelt sich in den Kursen der Aktien von Förderern wie Harry Winston Diamond, Gem Diamonds, BRC Diamondcore und Trans Hex wider, die binnen eines Jahres noch stärker als die Titel anderer Rohstoffförderer verloren haben. Hinzu kommt, dass die Absatzkrise nicht auf die Schmuckbranche beschränkt ist: Auch im Segment der Industriediamanten ist der Markt kollabiert. Der Absturz der Rohstoffpreise hat vielerorts die Erschließung neuer Minen gestoppt, was wiederum die Nachfrage nach diamantenen Bohr- und Schneidegeräten markant reduziert hat.

Als Reaktion auf den Einbruch am Diamantenmarkt hat der Förderer De Beers, der den Sektor früher klar dominierte (siehe Kasten unten), die Produktion in seinen afrikanischen Minen in Botswana, Namibia und Südafrika gegenüber dem Vorjahr um 40 Prozent zurückgefahren. Zeitweise waren sogar fünf Minen ganz eingemottet worden, drei davon sind seit Donnerstag wieder geöffnet. Zudem stoppte der Konzern vor kurzem die Exploration im diamantenreichen Kongo, der als Markt der Zukunft gilt. Auch die beiden neuen Minen in Kanada, deren Erschließungskosten den hohen Schuldenberg des südafrikanischen Unternehmens von 3,6 Mrd. Dollar erklären, haben die Produktion seit der Inbetriebnahme im August deutlich reduziert. Auf diese Weise hofft De Beers, jährlich Betriebskosten in Höhe von 1,5 Mrd. Dollar zu sparen.

Spekulationen von Analysten der britischen Bank Barclays Capital, wonach De Beers im ersten Quartal dieses Jahres monatliche Verluste in Höhe von 100 Mio. Dollar angehäuft habe, wurden vom Konzern entschieden dementiert. Finanzchef Stuart Brown wies statt dessen darauf hin, dass De Beers dank der frühzeitig ergriffenen Kostensenkungsmaßnahmen zwei weitere Rezessionsjahre verkraften könne. Dennoch scheint das Unternehmen von Ausmaß und Tempo der Krise überrascht worden zu sein. "Noch im August konnten wir Diamanten nicht schnell genug aus dem Boden holen, um die hohe Nachfrage zu decken. Einen Monat später war alles anders", sagte Marketingdirektor Stephen Lussier kürzlich auf einer Konferenz in Kapstadt.

Während der ersten Verkaufsveranstaltung in diesem Jahr, einem der zehnmal jährlich ausgerichteten Sights für den kleinen, ausgewählten Kundenkreis von De Beers, war der Umsatz Schätzungen zufolge so gering wie seit 25 Jahren nicht mehr. Traditionell wird auf den Veranstaltungen die Entwicklung der nächsten Monate vorgegeben. Die Analysten von RBC Capital erwarten, dass De Beers 2009 Diamanten im Wert von lediglich 3,5 Mrd. Dollar verkauft. 2008 summierten sich die Einnahmen noch auf fast sechs Mrd.

Der Einbruch der Nachfrage nach Luxusgütern ist in erster Linie auf die rückläufigen Bonuszahlungen in der Finanzbranche zurückzuführen. Besonders davon betroffen sind die USA, wo knapp die Hälfte aller Diamanten verkauft wird. Die amerikanische Juwelierkette Tiffany erlitt im vergangenen Weihnachtsgeschäft einen Umsatzrückgang von 35 Prozent.

Erschwert wird die Lage im Diamantensektor durch eine komplizierte und oft ineffiziente Marktstruktur. So wird die Lieferkette von vielen Zwischenhändlern besetzt, von denen viele wegen der Krise jedoch aus dem Markt gedrängt werden könnten. Dies wäre eine überfällige Vereinfachung der Strukturen.

Wolfgang Drechsler
Wolfgang Drechsler
Handelsblatt / Korrespondent
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%