Engpässe
Asien kämpft um Kohle

Kohle ist ein wenig beachteter Rohstoff, zumindest im Vergleich zu Öl und Edelmetallen. Dennoch ist das Geschäft mit dem Energieträger zukunftsträchtig. Derzeit übersteigt die Nachfrage das Angebot – und besonders Asien kann von Kohle kaum genug bekommen.

KAPSTADT. Das prestigeträchtige Mining Indaba im südafrikanischen Kapstadt wartet in diesem Jahr mit einer Überraschung auf. Ausgerechnet die wenig glamouröse Kohle scheint den Edel- und Grundmetallen bei der am Montag eröffneten Bergbaukonferenz die Schau zu stehlen. In kaum einem anderen Rohstoff-Sektor sind die Aussichten nach Meinung von Experten derzeit ähnlich günstig – und die in den letzten sechs Monaten um bis zu 100 Prozent gestiegenen Spotmarktpreise für südafrikanische Exportkohle sprechen eine deutliche Sprache.

Dass dieser Boom weitgehend unbemerkt geblieben ist, liegt vor allem daran, dass die Aufmerksamkeit vieler Medien noch immer fast ausschließlich auf den Energieträgern Öl und Gas ruht. Der Grund für die Renaissance der Kohle liegt nach Ansicht von Macquarie Research vor allem in China, das in den vergangenen beiden Monaten wegen schwerer Lieferengpässe und Stromausfälle von einem Nettoexporteur zu einem Importeur von Kohle geworden ist. Seit zwei Monaten hat das Land der Mitte temporär Restriktionen auf den Export seiner Kohle verhängt. Hinzu kommt, das Chinas Kohle, die rund zwei Drittel seines Energiebedarfs deckt, in immer größerer Tiefe abgebaut wird, was die Produktion verteuert und Importe aus Australien oder Indonesien zunehmend attraktiv macht.

Daneben haben aber auch Überschwemmungen in Australien und Stromausfälle in Südafrika das Angebot an Kohle auf dem Weltmarkt empfindlich reduziert. „Während es global bei vielen Produkten Sorgen vor einem Einbruch der Nachfrage gibt, bleibt der Fokus der Rohstoffmärkte auf möglichen Lieferengpässen“, schreibt Macquarie in einer neuen Studie zum Rohstoffmarkt.

Vor allem Südafrikas Kohleförderer haben aus der weltweit hohen Nachfrage zuletzt Kapital geschlagen. Wurde früher vor allem hochwertigere Kohle über den Verladehafen Richards Bay am Indischen Ozean exportiert, wird nun immer mehr auch die zuvor fast ausschließlich im eigenen Land verfeuerte Kraftwerkskohle ausgeführt. Bislang wurde die Kohle vor allem nach Europa exportiert. Inzwischen wird jedoch vor allem Indien, das gerade zwei neue Kohlekraftwerke baut, immer stärker im südafrikanischen Markt aktiv. „Indien schnappt den Europäern einen immer größeren Marktanteil am Kap weg“, sagt Paul Miller, Chef des Kohlejuniors Keaton Energy dem Handelsblatt. Zwischen 2006 und 2007 sind Südafrikas Kohleexporte nach Indien von rund einer Mill. auf nun sechs Mill. Tonnen gestiegen. Gleichzeitig sind die Preise am Spotmarkt von 60 Dollar je Tonne auf bis zu 110 Dollar gestiegen.

Der südafrikanische Kohlemarkt reagiert darauf: Wurde er in der Vergangenheit von den großen Konzernen AngloCoal, TransNatal und Exxaro dominiert, so werden in den nächsten zwei bis drei Jahren eine Reihe kleinerer Förderer wie Keaton Energy, Petmin oder Sentula Mining dazukommen. Keaton Mining verfügt über Reserven von rund 200 Mill. Tonnen. Anfangs will das Unternehmen, das im März oder April an die Johannesburger Börse (JSE) geht, rund zwei Mill. Tonnen pro Jahr fördern, was bei einem Marktvolumen von 240 Mill. Tonnen weniger als ein Prozent wäre. Danach will das Unternehmen kontinuierlich expandieren.

Für Südafrikas staatlichen Stromkonzern Eskom, dem mit Abstand größten Abnehmer von Kraftwerkskohle, kommt der Aufschwung des schwarzen Golds und das zunehmende Interesse der Asiaten zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt. Seit über zwei Wochen leidet die Kaprepublik unter akutem Strommangel, weil Eskom es versäumt hat, rechtzeitig neue Kraftwerke zu bauen. Nun kommen auch noch Lieferengpässe der Minen dazu. Südafrika ist bei seiner Energiegewinnung zu fast 90 Prozent auf Kohle angewiesen.

Eskom selbst war zuletzt bereits gezwungen, seine Stromzuteilung für die Minenindustrie drastisch zu reduzieren. Vor allem in den Goldbergwerken kam es in den letzten beiden Wochen zu einem abrupten und tagelangen Produktionsstopp. Nach eigenen Angaben konnten vor allem die Goldminen bis zum letzten Wochenende über fünf Tage lang kaum neues Gold fördern.

Eskoms alte Kohlekraftwerke sind für das Verfeuern von Kohle von geringer Qualität ausgelegt. Doch in diesem Jahr sind die Vorratslager kaum gefüllt. Die Ursache dafür liegt nach Ansicht von Steve Lennon, Chef der Ressource- und Strategieabteilung bei Eskom, in den ungewöhnlich starken Regenfällen im östlichen Südafrika. Diese hätten den Transport aber auch den Abbau der am Kap im Tagebau gewonnenen Kohle stark erschwert. Zudem verbrennt nasse Kohle in den Kraftwerken schlechter als trockene Kohle. Und schließlich konzentrieren sich Südafrikas Produzenten vor dem Hintergrund der hohen Weltmarktpreise immer mehr auf den Exportmarkt.

Miller glaubt, dass der Kohlepreis wegen der hohen Nachfrage weiteres Aufwärtsppotenzial hat - trotz des jüngsten Preisschubs. Dies könnte dazu führen, dass Südafrikas Regierung Kohle zu einem strategischen Mineral erkläre, genauso wie dies mit Uran geschehen sei. So würde Südafrika gewisse Quoten für den lokalen Verbrauch festschreiben – und den Preis für das schwarze Gold damit womöglich weiter in die Höhe treiben.

Wolfgang Drechsler
Wolfgang Drechsler
Handelsblatt / Korrespondent
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