Engpass bei Raffinerien treibt weltweit die Benzinpreise nach oben
USA und Europa rangeln um besten Platz an der Zapfsäule

Wenn die Amerikaner in die Sommerferien fahren, steigen in Deutschland die Benzinpreise. Dieser transatlantische Effekt lässt sich in diesen Tagen wieder an den Zapfsäulen zwischen Flensburg und Freiburg beobachten. Grund für das Phänomen sind die zu geringen Raffineriekapazitäten in den USA. Da die Amerikaner ihren Kraftstoffverbrauch nicht selbst decken können, müssen sie rund zehn Prozent auf den Weltmärkten dazukaufen. Etwa ein Drittel davon kommt aus Europa – was dort die Spritpreise nach oben treibt.

NEW YORK. Die transatlantische Konkurrenz um Benzin ist nur ein Symptom der seit langem schwelenden Krise im Raffineriegeschäft. Die Kapazitäten in Amerika sind bereits zu 97 Prozent ausgelastet und können trotzdem nicht mit der wachsenden Nachfrage nach Ölprodukten Schritt halten. So rechnen Experten der Internationalen Energie Agentur (IEA) damit, dass die weltweite Ölnachfrage im zweiten Halbjahr von zuletzt 83,8 auf mehr als 86 Millionen Barrel pro Tag steigen könnte. Die Veredelungskapazitäten wachsen nicht einmal halb so schnell. Selbst ein Investitionsboom im Raffineriegeschäft würde kurzfristig daran kaum etwas ändern. Schließlich dauert es auch in den USA Jahre, bis solche Anlagen genehmigt und gebaut werden.

Händler in New York machen deshalb für den jüngsten Preissprung an den Ölmärkten auch die Engpässe im Raffineriegeschäft verantwortlich. Ökonomen gibt diese Erklärung jedoch Rätsel auf: „Wenn der Engpass bei den Raffinerien und nicht beim Rohöl liegt, müsste der Preis für ,crude’ (Rohöl) eigentlich sinken“, sagt David Wyss, Chefökonom der Ratingagentur Standard & Poor’s in New York.

Der Flaschenhals bei der Verarbeitung hat sich derart verengt, dass die Staats- und Regierungschefs der sieben führenden Industrieländer und Russlands (G8) das Thema auf ihrem nächsten Gipfeltreffen im Juli im schottischen Gleneagles beraten wollen. Der saudische Ölminister Ali al-Naimi drängt die Einfuhrländer seit langem, neue Raffinerien zu bauen. Sogar US-Notenbankchef Alan Greenspan warnt inzwischen vor den Folgen der Raffinerie-Krise. Michael Economides, Professor für Ölwirtschaft an der Universität Houston, sagt ein „Desaster“ für die amerikanischen Verbraucher mit einer Verdoppelung der Benzinpreise auf vier Dollar pro Gallone (3,7 Liter) voraus.

In den USA sind seit fast 30 Jahren keine neuen Anlagen mehr gebaut worden. „Geringe Gewinnmargen, scharfe Umweltschutzvorschriften und lokaler Widerstand der Bevölke-rung haben den Neubau zum Erliegen gebracht“, sagt John Felmy, Chefökonom beim industrienahen American Petroleum Institute (API) in Washington. „Not in my backyard (nicht in meinem Hinterhof)“, ist auch in den Vereinigten Staaten eine weit verbreitete Einstellung, wenn es darum geht, neue Industrieanlagen zu bauen. US-Präsident George W. Bush will jetzt alte Militäreinrichtungen nutzen, um das Standortproblem zu lösen.

Steigende Abgas- und Qualitätsstandards verschärfen das Problem noch zusätzlich. So gibt es allein in den USA 17 verschiedene Benzinnor-men. Viele Raffinerien vor allem in den technologisch weniger entwickelten Ländern können die Anforderungen nicht erfüllen. Hinzu kommt, dass die Branche lange Zeit unter geringen Gewinnmargen litt – was die Investitionslust der Konzerne spürbar gedämpft hat.

So lag die Kapitalrendite bis vor zwei Jahren deutlich unter dem Durchschnitt der von Standard & Poor’s erfassten Industriezweige. Erst seit kurzem hat sich dieser Trend gedreht: So meldet zum Beispiel der drittgrößte US-Raffineriekonzern Valero für das zweite Quartal des laufenden Jahres einen Rekordgewinn. Die Gewinnmarge für die Veredelung von einem Barrel Rohöl in Heizöl oder Benzin hat sich in den vergangenen drei Jahren mehr als verdoppelt.

Noch größer sind die Gewinnzuwächse bei der Produktion von Dieselkraftstoff. Hier verkehrt sich der transatlantische Preiseffekt in sein Gegenteil, sagt Jacob Bournazian von der staatlichen Energy Information Administration (EIA) in Washington. „Auf Grund der starken Nachfrage nach Diesel in Europa müssen die Lastwagenfahrer in den USA mit massiven Preissteigerungen für ihren Kraftstoff rechnen.“

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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