Entscheidend sind die Wachstumsaussichten für die USA – Prognosen reichen für den Euro bis zu 1,35 Dollar
Experten setzen langfristig auf den Euro

Der Euro hat seit Anfang September zum US-Dollar wieder deutlich aufgeholt und war gestern bereits wieder mehr als 1,13 Dollar wert. Ist dies bereits der Beginn einer abermaligen Trendwende, oder handelt es sich dabei nur um eine Korrektur?

DÜSSELDORF/NEW YORK. Damit würden vorangegangene Übertreibungen – also zu starke Kursverluste des Euros – wieder ausgeglichen. Auf kurze Sicht schließen Devisenexperten bei der europäischen Gemeinschaftswährung Kursausschläge sowohl in die eine wie in die andere Richtung nicht aus. Längerfristig erwarten die meisten Experten aber unverändert eine kräftige Erholung des Euros.

„Es kann durchaus wieder bergab gehen“, sagt Michael Klawitter von der WestLB in London mit Blick auf den Euro. Die Befestigung des Dollars von Juni bis September habe sich vor dem Hintergrund der insgesamt deutlichen Verbesserung der US-Wirtschaftsdaten vollzogen. Und „solange der Markt an eine ständige Erholung in den USA glaubt, wird der Dollar nicht deutlich unter Druck kommen“, sagt Klawitter. Die WestLB geht davon aus, dass die US-Daten im dritten und vierten Quartal recht stark sein werden. In den Wachstumsaussichten für die USA sieht Klawitter den „Schlüssel“ für die weitere Entwicklung des Euro-Dollar-Kurses. Dies sei die „alleinige Triebfeder“ für den Dollar. Entsprechend sei der Greenback wieder leicht unter Druck gekommen, als die Wirtschaftsdaten enttäuschten. Doch seien die Zweifel im Hinblick auf die Wachstumserwartungen für das Jahr 2004 noch nicht nachhaltig. Eine Trendwende liegt für ihn daher noch nicht vor.

Auch Dorothea Huttanus von der DZ Bank sieht die jüngste Erholung des Euros nur als eine „Korrektur“, nicht aber als Trendwende an. Für den Konjunktur-Optimismus bezüglich der USA sei es einfach noch zu früh gewesen. Andererseits sei es eine „kleine Kostprobe dafür gewesen“, was in den nächsten Monaten zu erwarten sei. Die US-Konjunktur werde die Märkte weiter begeistern, erwartet Huttanus. Anders als die meisten ihrer Kollegen glaubt sie, dass sich der Euro auf Jahressicht wieder bis auf 1,05 $ abschwächen wird. Kurzfristig könne der Kurs noch einmal bis auf 1,14 $ steigen.

Auf kurze Sicht sieht WestLB-Experte Klawitter eine Seitwärtsbewegung in einer Bandbreite von 1,1380 bis 1,1050 $. Bis Ende 2003 werde der Euro dann noch einmal auf Werte um 1,08 bis 1,10 $ absacken, doch auf Jahressicht – nicht zuletzt wegen des US-Leistungsbilanzdefizits – bei 1,19 $ notieren. Denn wenn das Wachstum aus Sicht des Marktes enttäuscht, rücke auch die Sorge über die Finanzierbarkeit des Leistungsbilanz- und Haushaltsdefizits erneut in den Vordergrund.

Auch US-Ökonomen halten den Dollar noch immer für überbewertet. „Ich rechne mittelfristig mit einem Wechselkurs von 1,25 $ bis 1,35 $ im Vergleich zum Euro“, sagt Michael Mussa vom Institut for International Economics (IIE) in Washington. Der ehemalige Chefökonom des Internationalen Währungsfonds (IWF) macht das enorme US- Leistungsbilanzdefizit für die Verzerrungen auf den Währungsmärkten verantwortlich. Eine Korrektur sei unausweichlich. „Auf längere Sicht kann Amerika nur ein Defizit von 2 % bis 2,5 % aufrechterhalten“, sagt Mussa. Im zweiten Quartal lag das Defizit jedoch bei 5,14 %.

IIE-Präsident Fred Bergsten hält eine weitere Dollar-Aufwertung nur kurzfristig für möglich. „Der Wachstumsvorsprung der USA gegenüber Europa und Japan sowie die bewusste Abwertung asiatischer Währungen könnten der US-Währung noch eine Zeit lang Auftrieb geben“, sagt er. Die Geschichte zeige aber, dass derartige Ungleichgewichte nicht dauerhaft bestehen könnten.

Wie stark und schmerzlich eine Korrektur auf den Währungsmärkten ausfalle, hänge entscheidend von den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen ab. „In den 80er-Jahren hat zum Beispiel der zeitgleiche Verfall der Ölpreise die Auswirkungen des Dollarverfalls gedämpft“, sagt Bergsten. Auch Klawitter zieht Parallelen zu dem Kursverlauf des US-Dollars Mitte der 80er-Jahre, hebt aber einen wichtigen Unterschied hervor: „Damals kam es zu einem allgemeinen Agreement“ zwischen Finanzministern und Notenbanken der G7, den Dollar abzuschwächen. Dies werde diesmal sicher nicht zu erzielen sein. Es bleibe daher bei einseitigen, negativen Dollar-Äußerungen aus den USA.

Nicht zu unterschätzen sind laut Klawitter auch die Risiken beim Euro. Aus Sicht der US-Investoren „ist im Euro eine Risikoprämie enthalten“, sagt er. Denn zurzeit weiteten sich die wirtschaftlichen Divergenzen in Europa eher aus; dies werde von Anlegern nicht ignoriert.

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