Erschließung neuer Quellen: Gas steht vor einem Boom

Erschließung neuer Quellen
Gas steht vor einem Boom

Der Gaspreis an den amerikanischen Terminbörsen hat sich inzwischen halbiert. Zuvor hatten die Auswirkungen des Hurrikans „Katrina“ in den USA die Preise auf ein Rekordhoch getrieben. Experten halten den Rückgang des Energieträgerpreises nur für eine Atempause.

LONDON. Die Versorgung der USA beruhte bisher vor allem auf den Vorkommen im Golf von Mexiko und Lieferungen aus Kanada. Experten sehen in dem Preisrückgang aber nur eine kurze Phase der Beruhigung. Langfristig werde sich ein neuer Trend am Weltmarkt herausbilden.

„Das ungewöhnlich warme Winterwetter in der zweiten Dezemberhälfte und den ganzen Januar hindurch hat die Gasvorräte beträchtlich steigen und die Preise fallen lassen“, begründet Michael Lewis von der Deutschen Bank in London den Preissturz. Schließlich könnte dies einer der mildesten Winter seit Jahrzehnten gewesen sein.

Michael Zenker, Energieexperte von Cambridge Energy Research Associates, blickt bereits weiter in die Zukunft. Der Preisrückgang sei eine vorübergehende Phase, bevor ein neuer grundlegender Trend erkennbar wird. „Der Erdgaspreis wird für die USA bald so international sein wie der Ölpreis“, meint er. Mit anderen Worten: Der noch weitgehend „hausgemachte“ Preis wird zunehmend von dem Weltmarktpreis für Erdgas abgelöst. Die größten Energieverbraucher und –verschwender der Erde werden laut Zenker künftig wachsende Gasmengen importieren müssen. Dann müssten sie einen Weltmarktpreis akzeptieren, den sie durch ihre Käufe aber gleichzeitig maßgeblich beeinflussten.

Die Förderung von Erdgas sinkt in den USA und Kanada bereits seit längerem. Auch die erhöhten Ausgaben für die Erschließung neuer Quellen konnten dies nicht verhindern. Zugleich stieg der Bedarf. Die US-Regierung bereitet zurzeit einen Gesetzentwurf vor, der die Exploration und Erschließung neuer Gasquellen rund um die Küsten des Landes bis zu 300 km ins Meer hinaus und damit über ein Areal von 700 Mill. Hektar fördern soll.

Präsident Bush appellierte zudem an den Öl- und Gasriesen Exxon, von Alaska aus eine Erdgas-Pipeline für die Belieferung weiter Teile der USA zu legen. „Damit künftig mehr Privathaushalte und Kleinunternehmen von dieser Energieform profitieren können“. Dies scheint ein weiterer Baustein in der Strategie Bushs, die Abhängigkeit vom Öl im Nahen Osten und anderswo zu verringern.

Bisher deckten die Erdgas-Importe (ohne Lieferungen aus Kanada) nur etwa drei Prozent des US-Gesamtbedarfs. Das Energieministerium in Washington hält aber eine drastische Zunahme der Abhängigkeit von Importen für unvermeidlich. Bis 2015 sollen die Einfuhren 10 Mrd. Kubikfuß pro Tag bzw. etwa 3 650 Mrd. Kubikfuß im Jahr erreichen. Dies wäre knapp das Sechsfache der heutigen Menge.

Den amerikanischen Verbrauchern wurde die Abhängigkeit vom internationalen Gasmarkt schon nach den beträchtlichen Lieferausfällen durch den Hurrikan “Katrina“ im Herbst 2005 „schmerzhaft bewusst“, meint Roland Barone, ein Energieexperte der Schweizer UBS. Die Versorgungslage verschärfte sich schlagartig, als einige der zunächst für die USA bestimmten Lieferungen nach Europa umgeleitet wurden. „Wenn es am Weltmarkt eng wird, leiden die USA ganz besonders“, meint Gavin Law von den schottischen Energieforschern Wood Mackenzie. Denn anders als ihre internationalen Mitbewerber, die in langfristige Lieferabkommen eingebunden seien, seien die USA bei Zukäufen weitgehend auf den Spotmarkt angewiesen – und dort lägen die Preise recht hoch.

Doch das könnte sich nach den strategischen Planern des britischen Gaskonzerns BG schon bald ändern – wenn die Amerikaner künftig ebenfalls mit langfristigen Lieferverträgen als Großabnehmer um die Ressource Gas am Weltmarkt buhlen. Bisher rangierten sie deutlich hinter den zwei größten Importeuren von verflüssigtem Erdgas ( LNG) Korea und Japan.

Die großen Energiekonzerne wie Exxon Mobile, Royal Dutch Shell und die BG Group investieren bereits Milliarden in den Bau eines Netzes von LNG-Terminals in den USA. Bisher waren nur fünf solche Terminals in Betrieb, vier weitere befinden sich im Bau und gar dutzende in der Planung. Die USA tragen damit zu der Entstehung eines weltumspannenden „virtuellen Erdgasverbunds“ bei, beschreibt ein BG-Stratege die neue Situation. Kein Wunder, dass über zwei Drittel der vor kurzem von dem Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) befragten 200 Experten für die weitere Zukunft kaum etwas anderes sehen als steigende Preise.

Deutsche Gaspreise bleiben hoch

Prognose: Die deutschen Unternehmen und Verbraucher können vorerst nicht mit einer Entspannung bei den Gaspreisen rechnen. Die Importgesellschaften wie Eon Ruhrgas, Wingas oder BEB haben in den vergangenen Quartalen ihre Preise für große Industriekunden und Stadtwerke jeweils kräftig erhöht. Mit einer Entspannung rechnen sie erst, wenn auch der Ölpreis wieder nachhaltig sinkt.

Langfristverträge: Der Gaspreis in Deutschland wird fast ausschließlich über langfristige Lieferverträge bestimmt. Die Importeure haben mit den großen Lieferländern wie Russland oder Norwegen Verträge geschlossen, die ihnen über viele Jahre hinweg zu festgelegten Preisformeln den Gasbezug sichern. Am Spotmarkt, an dem die Preise in den vergangenen Monaten zunächst sprunghaft anstiegen und inzwischen gefallen sind, decken sich die Gasgesellschaften nur ein, um Bedarfsspitzen abzufangen.

Ölpreisbindung: In den Verträgen, die die Importeure mit den Produzenten schließen, gilt üblicherweise die Ölpreisbindung. Nach festen Formeln zeichnet der Gaspreis deshalb die Entwicklung am Ölmarkt nach – wenn auch zeitlich verzögert und geglättet. Weil der kräftige Ölpreis zuletzt den Gaspreis mitgezogen hat, steht die Bindung allerdings in der Kritik.

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