Euro-Franken-Kurs
Was Sie jetzt zum Franken wissen müssen

Der Mindestkurs von 1,20 Franken je Euro ist passé. Welche Folgen hat das für Unternehmen? Was bedeutet es für Anleger? Droht der Schweiz eine Rezession? Die wichtigsten Fragen und Antworten.
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ZürichWelche Unternehmen trifft die Notenbank-Aktion am meisten und warum?
Die überraschende Aktion der Notenbank trifft zum einen die Export-Industrie. Laut einer Sonderumfrage der Konjunkturforschungsstelle (KOF) der ETH Zürich sind die Umsätze im Maschinenbau, der Autozuliefer-Industrie, der Chemie- und Pharmaindustrie, der Hotellerie und des Textilgewerbes besonders betroffen von der Aufgabe des Mindestkurses. Mehr als 50 Prozent der Exporte der Schweiz gehen in die Euro-Zone.

Laut Martin Neff, Chefökonom der Raiffeisen-Gruppe, drückt eine Aufwertung des Franken zum Euro um ein Prozent die Schweizer Exporte um 0,2 Prozent. Sollte der Franken dauerhaft um die Parität zum Euro pendeln, so dürfte grob gerechnet der Exportsektor in diesem Jahr einen Rückgang um drei Prozent hinnehmen müssen. Betroffen ist auch die Schweizer Tourismusbranche. In der vergangenen Sommersaison (Mai bis Oktober) legten die Logiernächte noch leicht (plus 0,7 Prozent zu).

Doch bereits im Oktober waren die Buchung aus Europa rückläufig. Betroffen ist auch der Schweizer Einzelhandel: Bei einem Franken-Kurs von rund einem Euro lohnt mehr denn je der Einkaufstourismus. Grenznahe Städte wie Konstanz und Rheinfelden stöhnen bereits jetzt über die einfallenden Massen am Wochenende. 2014 kauften Schweizer für fünf Milliarden Franken in Deutschland ein. Dieser Kaufkraftabfluss dürfte nun steigen.

Fällt die Schweiz in eine Rezession?
Das ist möglich, Ökonomen schließen das nicht länger aus. Die Experten der Credit Suisse sind weniger pessimistisch und rechnen mit einem Wachstumsrückgang von 0,5 bis einem Prozentpunkt gegenüber der alten Prognose von 1,8 Prozent, sollte der Franken dauerhaft um 15 Prozent zum Euro aufwerten wie am Tag nach der Entscheidung. UBS senkte ihre Prognose stärker, von 1,8 auf nur noch 0,8 Prozent – am Donnerstag. Am Freitag korrigierte sie sich ebenfalls auf ein BIP-Wachstum von nur noch 0,5 Prozent nach unten. Wie stark die Bremsspuren in der Wirtschaf durch die plötzliche Kehrtwende der Schweizer Notenbank sein wird, hängt davon ab, wo sich der neue Franken-Euro-Kurs einpendeln wird.

Was bedeutet die Aktion für die Bilanz der Notenbank, was kostet der Schritt?
Die Devisen-Reserven der Notenbank umfassten zuletzt rund 500 Milliarden Franken. Davon waren 47 Prozent in Euro-Anlagen und 27 Prozent in Dollar-Anlagen investiert. Die haben in Franken gerechnet und deutlich an Wert verloren. Ökonomen der UBS schätzen daher, dass die Freigabe des Euro-Kurses der Notenbank einen Verlust von 40 bis 50 Milliarden Franken einbringt, sollte sich der Wechselkurs bei der Parität halten.

Notenbank-Chef Thomas Jordan wehrt sich gegen diese Betrachtung: Der Gewinn der Notenbank sei stets Resultat der Geldpolitik - also eine Randgröße und kein Ziel an sich. Zudem argumentiert er, dass der Verlust für die Notenbank noch viel größer geworden wäre, hätte die SNB später den Wechselkurs frei gegeben. Denn seit Anfang des Jahres war die Notenbank laut Expertenschätzungen am Devisenmarkt aktiv und hat damit ihre Bilanz weiter aufgebläht.

EUR/CHF SPOT

ISIN
EU0009654078
Börse
FX
+0,00+0,02%
+1,15€
Chart von EUR/CHF SPOT

Welche Investoren auf den Finanzmärkten haben sich verzockt?
Verzockt haben sich alle jene, die auf einen stabilen Franken-Euro-Kurs von 1,20 gesetzt haben. Auch Aktienanleger, die vor diesem Hintergrund in Schweizer Aktien investiert haben. Allein am Tag der Ankündigung der Kehrtwende der Schweizer Notenbank hat der Leitindex SMI rund neun Prozent verloren.

Gibt es den Verdacht auf Insiderwissen, haben einige Investoren kurz vor dem Schritt verkauft?
Davon ist bisher nichts bekannt.

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  • "Auch Aktienanleger, die vor diesem Hintergrund in Schweizer Aktien investiert haben. Allein am Tag der Ankündigung der Kehrtwende der Schweizer Notenbank hat der Leitindex SMI rund neun Prozent verloren."

    Wer über ein deutsches Depot schweizerische Aktien besitzt, bezieht durch die Währungsaufwertung signifikant mehr Dividende, wenn er/sie die Aktien behalten möchte.

    Wer Aktien gestern verkaufen wollte, konnte das gestern kann das heute mit signifikanten Gewinnen tun, da die Währungsaufwertung die Kursverluste deutlich überkompensiert hat ..

  • Geändert hätte sich vermutlich bei unterlassenen Stützungskäufen durch die SNB hinsichtlich des aktuellen CHF-Kurses faktisch nichts außer eine niedrigere Bilanzsumme (=niedrigere Wäh-rungs/Delkredererisiken) bei der SNB da keine massiven EUR-Stützungskäufe die Bilanzsumme auf-gebläht hätten; die negativen Entwicklungen in der Realwirtschaft hätte es auch schon vor 4 Jahren gegeben, wurden also faktisch nur durch die teure Kursstützung in den vergangenen Jahren verzögert.
    Interessanter ist hier folgende Frage bzgl. des abgelehnten Volksbegehrens zur Aufstockung der Schweizer Goldreserven: hätte es Optionen gegeben Risiken besser zu streuen bzw. Ausfallrisiken zu minimieren und Währungsrisiken zu minimieren? Ich denke ja; ein frühzeitiger Tausch der EUR in andere Währungen die aktuell eine größere Stärke aufweisen als der EUR (z.B. USD) oder aber auch Gold hätte hier sicher einen Teil der nun ausgewiesenen Währungsverluste kompensiert bzw. zumindest in der Größenordnung verhindert. Abgelehnt wurde das Volksbegehren u.a. durch die Schweizer Kantone, die von den hohen Zinsüberschüssen aus den EUR-Anlagen, resultierend aus Stützungskäufen der SNB, in Form von Gewinnausschüttungen profitieren, mit der Begründung dass Goldanlagen eben keine Zinsüberschüsse abwerfen. Anstelle von weiterhin erhofften Zinsüberschüssen sitzt man nun jedoch bei der SNB auf Währungsverlusten.

  • Vielleicht ein Vorbild für die norwegische oder die dänische Krone. Für das britische Pfund sicher nicht. Das ist nämlich genau so marode wie der Dollar oder der Euro.

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