Euro-Krise
„Glauben Sie, ein Bayer zahlt für einen Sizilianer?“

Seit der Ankündigung von EZB-Chef Draghi, den Euro um jeden Preis retten zu wollen, steigt der Eurokurs kräftig. Doch der rasante Aufschwung dürfte ein abruptes Ende finden, sagt der Devisenchef von Morgan Stanley.
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FrankfurtHandelsblatt: Herr Redeker, in den vergangenen Wochen ist der Euro auf dem Vormarsch. Der Dollar hingegen schwächelt. Devisenexperten, auch Sie, haben für 2012 das Umgekehrte vorausgesagt. Revidieren Sie Ihre Meinung?

Redeker: Ja, am 1. August haben wir unseren Kunden erklärt, dass der Euro kurzfristig steigen werde. Ich schätze, dass er in den kommenden Wochen noch auf 1,32 Dollar klettern könnte. Aber von diesem Niveau sollte ein erneuter Rückgang unausweichlich sein.

Warum steigt der Euro derzeit?

Das neue Anleihekaufprogramm, das vorsieht, unbegrenzt Staatsanleihen aus südeuropäischen Ländern mit kurzen Laufzeiten aufzukaufen, bringt den Staaten und den dortigen Banken eine Refinanzierungssicherheit. Europa leidet unter den Kursschwankungen der Staatsanleihen. Banken, die keinen Zugang mehr zu sicheren Vermögenswerten haben, reduzieren die Kreditvergabe. Hier hat die Europäische Zentralbank angesetzt. Die Rally des Euros reflektiert auch das gesunkene Risiko eines unmittelbaren Auseinanderbrechens des Euros.

Die Pläne von EZB-Chef Draghi waren doch bekannt. Warum legt der Euro noch einmal zu?

Die Pläne waren bekannt. Aber der Markt hatte die positiven Effekte dieser Quasi-Sicherheit noch gar nicht komplett erfasst. Deswegen könnte der Euro noch etwas weiter steigen.

Der Devisenmarkt läuft den anderen Märkten häufig vorweg. Werden auch die Aktienkurse steigen?

Das denke ich. Und zwar nicht nur in Europa, sondern auch in den USA. Dort hat es aber andere Gründe.

Welche?

In den USA haben die Hauspreise nach einem jahrelangen Rückgang aufgehört zu fallen. Damit wirkt die lockere Geldpolitik nun nicht mehr nur auf die US-Staatsanleihen, sondern auch auf die Immobilienpreise. Wenn die Amerikaner keine Sorgen mehr haben, dass ihr Haus an Wert verliert, sind sie eher bereit, wieder einen größeren Teil ihres Einkommens auszugeben. Das investieren sie zum Teil in US-Aktien, aber auch nach Europa und Asien dürfte das Geld fließen. Dieser Kapitalexport hat schon begonnen und schwächt derzeit den US-Dollar.

Kommentare zu " Euro-Krise: „Glauben Sie, ein Bayer zahlt für einen Sizilianer?“"

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  • Der Morgenthau-Plan oder warum Europa verblutet.
    Die Euro- und EU-Verträge, von der deutsch-französische Achse entworfen und durchgesetzt, führen zu eine Art Morgenthau-Plan für die Peripherieländer der Währungsunion.
    Die wirtschaftlich schwache Euro-Länder werden, weil ihre Wirtschaft gegen die stärkere Wirtschaften nicht geschützt ist, immer schwächer. Dies führt dazu dass vielen jungen und gut ausgebildete Menschen aus diesen Länder keine andere Alternative bleibt als Europa den Rücken zu kehren und ihr Glück auf andere Kontinente zu suchen.
    Diese Hämorrhagie ist nicht nur eine menschliche Tragödie aber auch wirtschaftlich nachteilig für Europa. Bedingt durch den permanenten deutschen Leistungsbilanzüberschuss, ist der Euro für die meisten andere Länder überbewertet und erschwert diesen Ländern Exporte und bremst Importe nicht ab. Folge: Wirtschaftlicher Niedergang. Der führt dann zu geringeren Staatseinnahmen, die wiederum zu einer höheren Verschuldung, die wiederum zu höheren Zinsen für das Land und seine Wirtschaft.
    Niemand soll sagen, dass diese Dinge nicht absehbar gewesen seien - dass ist Ökonomie-Grundstudiums-Wissen.
    Was Europa braucht sind Vertragsänderungen die zu einer Wirtschaftskonvergenz innerhalb der Währungsunion führen und zu einer horizontalen Arbeitsteilung, Vertragsänderungen die den natürlichen Standortsnachteile der Peripherieländer entgegen wirken.

  • Na klar zahlt der Bayer für den Sizilianer. Nur ist die Sache diffizil: Der Sizilianer bekommt das Geld von der EZB und die leiht es sich bei der Bank, bei der der dumme Bayer sein Geld hinterlegt hat, ob er will oder nicht.
    Es sei denn, der kluge Bayer hat kein Geld, weil er es selbst sinnvoll investiert hat, anstatt es zu bankern.

  • Zitat:

    „Glauben Sie, ein Bayer zahlt für einen Sizilianer?“

    Antwort:
    Die EU funktioniert längst nach diesem Prinzip durch Programme und Subventionen (politisch gezielter Mitteleinsatz).

    Aber der ESM finanziert nicht die Bürger der EU oder
    ist Ausdruck von verwendungsbezogener Politik,
    sondern transferiert Steuergelder an Banken in Übersee.

    Insofern zielt der Titel des Artikels auf fehlenden Konsens innerhalb der EU, welche aber für den ESM überhaupt nicht von Relevanz ist.

    Das ist Rhetorik á la "Biedermann und die Brandstifter"

    http://de.wikipedia.org/wiki/Biedermann_und_die_Brandstifter

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