Euro notiert erstmals seit Februar unter 1,50 Dollar
Euro: Ende eines Höhenflugs

Die Analysten großer internationaler Banken sehen gute Chancen, dass der seit nunmehr sechs Jahren andauernde Abwärtstrend des Dollars gestoppt ist. Die meisten erwarten eine Fortsetzung des jüngsten Erholungstrends. Davon proftieren auch Europas Exporteure.

FRANKFURT. Am gestrigen Montag unterschritt der Euro zwischenzeitlich deutlich die Marke von 1,50 Dollar und notierte mit 1,4903 auf dem tiefsten Stand seit sechs Monaten.

Zusammen mit dem kräftigen Rückgang des Ölpreises in den vergangenen Wochen erhöht die Dollar-Erholung die Chance, dass sich der Konjunkturabschwung in Deutschland und im gesamten Euro-Raum nicht zu einer handfesten Rezession auswächst. "Allein die Abschwächung des Euro-Kurses seit seinem Hoch im Juli dürfte das Wirtschaftswachstum um 0,3 Prozentpunkte steigern", schätzt Erik Nielsen, Europa-Chefvolkswirt der Investmentbank Goldman Sachs.

Vor allem für Exporteure wie den Autobauer BMW ist die Umkehr des Dollar-Trends eine äußerst willkommene Entwicklung. Entsprechend waren BMW-Aktien am Montag mit einem Plus von 4,7 Prozent die größten Tagesgewinner im Dax. Ein stärkerer Dollar macht europäische Waren im Dollar-Raum billiger. Außerdem sind die Gewinne, die mit Verkäufen im Dollar-Raum gemacht werden, in Euro gerechnet dann mehr wert.

Zwar macht die Abwertung des Euros Importe teurer und treibt damit die ohnehin schon viel zu hohe Inflation, aber der kräftige Rückgang der Ölpreise hat einen wesentlich stärkeren dämpfenden Effekt auf die Teuerungsrate. Experten der Investmentbank Lehman Brothers sind überzeugt, dass der Ölpreisrückgang nachhaltig ist und die Europäische Zentralbank dadurch Spielraum erhält, ihren Leitzins zu senken, um die Konjunktur zu stützen. Beim Konkurrenten Goldman Sachs, der die Möglichkeit eines Ölpreises von 200 Dollar je Fass ins Gespräch gebracht hatte, drückt man sich noch vorsichtiger aus: "Wenn der Ölpreis in die Spanne von 100 bis 110 Dollar sinkt, wird die EZB im zweiten Quartal 2008 den Leitzins senken."

Der Dollar hatte in den letzten Tagen zu den meisten wichtigen Währungen zugelegt, gemessen an einem breiten Währungskorb ist er entsprechend gestiegen. Viele Analysten sehen nun in der Aufwärtsbewegung das Ende eines langjährigen Abwärtstrends.

"Wenn die Geschichte als Leitfaden taugt, dann findet der Dollar gerade den Boden", schreiben die Analysten von Credit Suisse. Sie verweisen darauf, dass Abwertungsphasen des Dollars meist sieben bis neun Jahre gedauert hätten und die jüngste Abwertungsphase bereits seit fast sieben Jahren in Gang sei.

Die Experten der großen internationalen Banken führen vor allem zwei Gründe für das Wiedererstarken des Dollars an: die sich rapide verschlechternden Konjunkturdaten außerhalb der USA und der - damit in Zusammenhang stehende - massive Rückgang der Ölpreise.

"Es hat sich gezeigt, dass die Konjunktur in den anderen Ländern sich rapide verschlechtert und die Abkopplungsthese sich in Luft auflöst", sagt David Bloom, Währungsstratege der HSBC. Damit nimmt er Bezug auf die Hoffnung, Europa und andere wichtige Wirtschaftsräume könnten sich weitgehend von der Wirtschaftsschwäche der USA abkoppeln. Die HSBC rechnet damit, dass der Dollar seine Aufwärtsbewegung auf breiter Front fortsetzt.

"In der ersten Jahreshälfte hat der Anstieg der Rohstoffpreise den Dollar gedrückt, jetzt spielt sich das umgekehrt ab", sagen Analysten der Deutschen Bank und nennen damit den zweiten wichtigen Grund für den erstarkenden Dollar. Deutsche Bank und HSBC haben nachgerechnet und übereinstimmend festgestellt, dass in den letzten Monaten jeweils ein Anstieg der Rohstoffpreise mit einer Dollar-Abwertung einherging. Seit seinem Hoch bei fast 150 Dollar im Juli hat der Ölpreis um über 20 Prozent nachgegeben. Einige große Investmentbanken, darunter Lehman Brothers und HSBC, sind dezidiert der Ansicht, dass der Ölpreisboom ein starkes spekulatives Element hatte, und erklären damit den starken Preisausschlag nach unten, nachdem der Aufwärtstrend gebrochen war.

Während HSBC die Dollar-Wende voraussagte, wurden andere Banken wie zum Beispiel Morgan Stanley auf dem falschen Fuß erwischt. "Wir hatten eigentlich gedacht, der Dollar bleibe aufgrund des schwachen Zustands der US-Konjunktur anfällig für neue Tiefstände", räumen die Währungsstrategen der Bank ein, "aber der Markt hat abgestimmt, und es sieht so aus, als ob der Dollar weiter zulegen werde."

Mit ihrer Empfehlung für Währungsspekulanten liefern die Morgan-Stanley-Analysten einen Grund dafür gleich mit: "Die heutige Währungsbewegung hat uns gezwungen, unsere auf Dollar-Abwertung gerichteten spekulativen Positionen aufzulösen." Wenn es eine unerwartete Gegenbewegung zu einem Währungstrend gibt, lösen viele Spekulanten zur Verlustbegrenzung ihre gegen diese Währung eingegangenen Wetten auf. Dazu müssen sie diese Währung kaufen, der Trend verstärkt sich.

Zu Euro und Pfund hat sich der Aufwärtstrend des Dollars kräftig beschleunigt, seit die Europäische Zentralbank (EZB) am Donnerstag letzter Woche einräumte, dass die Konjunktur des Euro-Raums schwer angeschlagen ist. Damit machte sie Erwartungen zunichte, sie könnte weiter an der Zinsschraube drehen, um Inflationsgefahren zu bekämpfen. Erst im Juli hatte die EZB ihren Leitzins von vier auf 4,25 Prozent erhöht.

"Wir erwarten eine Rezession sowohl im Euro-Raum als auch in Großbritannien", sagt Michael Hume, Europa-Chefvolkswirt von Lehman Brothers. Deshalb erwarten er und die meisten Marktteilnehmer nun, dass die EZB ihren Leitzins wird senken müssen. Ein geringerer Zinsvorsprung des Euros macht die Währung weniger attraktiv für Anleger. Obwohl der Leitzins in den USA mit zwei Prozent viel niedriger liegt als im Euro-Raum, ist der Zinsvorsprung des Euros bei zehnjährigen Staatsanleihen, auf nur noch 0,3 Prozentpunkte geschrumpft.

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent
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