Europa bleibt abhängig von russischer Energie
Auf dem Weg zur Gas-Opec

Ein Gas-Kartell ist nur eine Frage der Zeit, glauben Experten. Moskau ist auf der Suche nach Verbündeten und hat besonders Iran, Algerien oder Nigeria im Auge. Der russische Staatskonzern Gazprom strebt derweil eine monopolartige Position in Europa an.

DÜSSELDORF. Europa bleibt von russischen Energielieferungen auf absehbare Zeit stark abhängig. Der Georgien-Konflikt hat erneut belegt, dass Russland den Kaukasus als strategische Einflusszone behaupten will. Russlands Staatskonzern Gazprom hat in den zurückliegenden Monaten mit großem Erfolg die kaukasischen Republiken mit attraktiven Erdgaspreisangeboten umworben und sich so auch langfristig erhebliche Liefermengen gesichert. Hinzu kommt, dass die meisten Gaspipeline-Routen durch Regionen laufen, die durch Moskau mehr oder minder kontrolliert werden. Russland sichert diese Position zusätzlich ab, indem Gasproduzenten wie Iran, Algerien, Libyen und Nigeria als Verbündete gewonnen werden sollen.

"Die Bildung einer Gas-Opec ist nur eine Frage der Zeit", sagte der Energieprofessor Dieter Schmitt. Die Interessen der wichtigsten Exporteure an besser koordinierten Investitionen bei den sehr kapitalintensiven Gasprojekten seien offenkundig. Das Angebot solle der Nachfrage nicht allzu sehr vorauseilen, so das gemeinsame Ziel aller in der Regel staatlichen Produzenten. Die Gespräche über eine lose Kartellierung liefen aber schon lange. Die Preisrisiken würden nicht nachhaltig wachsen, wenn die Industrieländer im Gegenzug eine einigermaßen ausbalancierte Energiemixpolitik betrieben, sagt Schmitt. Nur durch den Einsatz von Kohle und die Nutzung der Kernkraft in der Stromerzeugung könnten einseitige Abhängigkeiten verhindert und der Machtfülle einer Gas-Opec vorgebeugt werden.

Russland ist schon heute mit Abstand wichtigster Energielieferant Deutschlands. Nach einer Hochrechnung von Hans-Wilhelm Schiffer, Energieanalyst bei RWE, werden aus Russland 22 Prozent des Primärenergieverbrauchs gedeckt. 2007 steuerte das Land zum Erdgaseinsatz 37 Prozent bei; beim Rohöl liegt der Anteil bei 30 Prozent. Diese Zahlen dürften 2008 ähnliche Größenordnungen erreichen.

Bislang haben sich die Russen weitgehend als verlässlicher Lieferant erwiesen. Die Energiedevisen seien für die Volkswirtschaft ein "enorm wichtiges Entwicklungspolster", schätzt Schmitt. Die Bestrebungen von Gazprom, sich als Miteigentümer an deutschen Gaskraftwerken zu beteiligen, bildeten dabei kein Risikopotenzial. Denn mit den Investitionen seien die Russen daran interessiert, durch konstante Lieferungen die deutschen Anlagen jederzeit auszulasten.

Dennoch bedeutet die Krise in Georgien einen Rückschlag für die deutsch-russischen Industriebeziehungen. Deutsche Firmen dürften vorsichtiger mit ihren Investitionsentscheidungen am Standort Russland werden und Energiekooperationsprojekte neu bewerten, stellt Heino Elfert, Herausgeber des Hamburger Fachblatts Energie-Informationsdienst (EID), fest. Das von der EU beschlossene Einfrieren des Dialogs über ein neues Energiepartnerschaftsabkommen mit Russland bedeutet, dass keine Vereinbarungen über Marktöffnungen in Sicht sind. Investoren müssten nun erhebliche Risikoaufschläge kalkulieren, so Elfert. Auch für die geplante Ostsee-Pipeline drohten weitere Verzögerungen.

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