Europäisches Brentöl
Unruhen in Nigeria treiben Ölpreis

Die Furcht vor weiteren Förderausfällen nach dem umstrittenen Wahlausgang in Nigeria hat den Preis für das europäische Brentöl am gestrigen Dienstag erneut um bis zu zwei Dollar steigen lassen. Brentöl kostete über 68 Dollar je Barrel (159 Liter). Analysten rechnen mit weiteren Preissteigerungen.

KAPSTADT / DÜSSELDORF. „Nigeria kann den Markt noch weiter hochtreiben“, sagt Suzanne Parry, Leiterin des Energiehandels von Natexis in London. Brentöl könne sich daher auf über 70 Dollar verteuern. Aktuell treibe vor allem die Entwicklung in Nigeria die Preise, doch sorge sich der Markt auch wegen der Probleme in amerikanischen Raffinerien. „Ungeplante Ausfälle erhöhen die Befürchtungen, dass die Benzinvorräte knapp werden“, sagt die Natexis-Expertin. Wichtig sei dies mit Blick auf die Urlaubszeit in den USA (driving season) und die anschließende Hurrikan-Saison. „Die Preisschwankungen können daher noch einmal zunehmen“, sagt Parry. Für den Rest des Jahres rechnet Natexis mit einem Durchschnittspreis von mindestens 65 Dollar.

Die Sorge der Märkte mit Blick auf Nigeria ist angesichts der weltweit knappen zusätzlichen Ölkapazitäten nicht unbegründet. Nigeria ist zehntgrößter Erdölproduzent der Welt. Und der Wahlausgang dort hat eher zur weiteren Eskalation als zur Beruhigung der politischen Lage beigetragen. Drei Tage nach der Präsidenten- und Parlamentswahl werden Kritik und Unmut über den Urnengang immer lauter. Die Transition Monitoring Group, die größte nigerianische Wahlbeobachter-Organisation, hat bereits eine Wiederholung der nach ihrer Meinung massiv manipulierten Wahl gefordert. Allgemein wird aber erwartet, dass der von Amtsinhaber Olusegun Obasanjo persönlich ausgewählte Nachfolger Umaru Yar´Adua in vier Wochen als neuer Präsident vereidigt wird. Als sicher gilt auch, dass die Regierung die von der Opposition geforderte Neuauflage der Wahl rundweg ablehnen wird.

Die Blicke der Ölmarktakteure sind vor allem auf das ölreiche Nigerdelta gerichtet. Allein die USA decken rund zwölf Prozent ihres Bedarfs aus nigerianischen Quellen. Doch im Nigerdelta, das etwa so groß wie Bayern ist, hat sich die Situation in den letzten Monaten zunehmend verschärft: Militante Gruppen, die eine gerechtere Verteilung der Öleinnahmen an die Bevölkerung fordern, haben ihre Angriffe auf Förderanlagen und Pumpstationen von Ölkonzernen verstärkt. Besorgnis erregend ist vor allem, dass neben den Öleinrichtungen auf dem Festland nun auch die rund zwölf Meilen vor der Küste gelegenen Installationen nicht mehr vor Übergriffen sicher sind. Die immer neuen und dreisteren Angriffe deuten darauf hin, dass in dem Delta inzwischen unkontrollierbare Zustände herrschen.

Daneben mehren sich unter Vertretern der Ölbranche Befürchtungen, dass die Rebellen mittlerweile über ein Waffenarsenal verfügen, mit dem sie den dort tätigen Ölkonzernen schweren Schaden zufügen könnten. „Obwohl alle Welt auf die Atompläne des Irans starrt, stellt Nigeria das zurzeit sicherlich größte Störpotenzial am Ölmarkt dar“, meint Peter Tertzakian, Experte für Energiefragen beim kanadischen Investmentmanager ARC Financial.

„Die Nervosität am Ölmarkt ist in den letzten Wochen insgesamt deutlich angestiegen“, sagt Dora Borbély, Rohstoffanalystin der Dekabank. Es sei daher angesichts der Entwicklung in Nigeria nicht sehr überraschend, „dass die eingepreisten Risikoprämien wieder deutlich höher liegen“. Fundamental gerechtfertigt seien Preise von knapp über 60 Dollar für die US-Richtmarke WTI; WTI-Öl kostete am Dienstag knapp 66 Dollar. Für 2007 erwartet Borbély einen durchschnittlichen Preis von 67 Dollar.

Auch Jochen Hitzfeld, Energie-Experte der HVB, rechnet wegen der anhaltend starken Nachfrage im Jahresverlauf mit höheren Preisen. Im Zuge der Hurrikan-Saison im dritten Quartal könnten die Preise 70 Dollar erreichen. „Wir nähern uns allmählich dem Höhepunkt“, sagt er. Wegen der schwächeren Notierungen im ersten Quartal 2007 geht die HVB von einem Jahresdurchschnittspreis von 61 Dollar bei Brentöl aus.

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