Europäisches Währungssystem
Des Kanzlers Auftritt in der Gralsburg

1978 nimmt Helmut Schmidt als erster deutscher Bundeskanzler an einer Sitzung des Bundesbank-Gremiums teil. Es geht um die Einführung einer europäischen Währungsordnung und um den alten Konflikt zwischen Politik und Zentralbank. Im Verlaufe der Sitzung werden wichtige Weichen für den Euro gelegt.

LONDON. Es ist der 30. November 1978. Auf dem Landeplatz des kastenförmigen Bundesbank-Gebäudes im Nordwesten Frankfurts steigt Helmut Schmidt aus einem Hubschrauber des Bundesgrenzschutzes. Notenbankpräsident Otmar Emminger bringt ihn sofort in den hermetisch abgeriegelten Sitzungssaal des Zentralbankrats in die 13. Etage. Zum ersten Mal nimmt an einer Sitzung des neunzehnköpfigen Gremiums der Bundesbank ein deutscher Bundeskanzler teil.

Es geht um die Einführung einer europäischen Währungsordnung und um den alten Konflikt zwischen Politik und Zentralbank. Es ist die Stunde, in der erste wichtige Weichen für eine einheitliche europäische Währung gelegt werden. Nachdem Frankreich, Großbritannien und Italien bereits vom Wechselkursverbund abgesprungen sind, sollen jetzt die Mitgliedstaaten der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft rasch neu zusammenfinden. Die Bundesbank befürchtet jedoch zu hohe Zugeständnisse an währungsschwächere Länder und sorgt sich um die Stabilität der D-Mark.

Die Gegenspieler sind auf Augenhöhe: Helmut Schmidt, der rastlose, geistig bewegliche Macher, bereits seit 1974 im Amt, steht am Höhepunkt seines Ansehens. Sein Gegenpart ist der etwas schulmeisterlich wirkende Bundesbank-Präsident Otmar Emminger. Der Notenbankchef macht bei Verhandlungen Notizen in Kurzschrift, manchmal zeichnet er eigenhändig Grafiken zur Geldpolitik. Er ist gefürchtet wie respektiert.

Schmidt will die letzten Bedenken der deutschen Währungshüter vor der Gründung des Europäischen Währungssystems (EWS) aus dem Weg räumen. Der vom Kanzler und seinem Freund, dem französischen Staatspräsidenten Valéry Giscard d’Estaing entworfene Plan zur Schaffung einer Zone währungspolitischer Stabilität soll politisch-monetäres Bindungsinstrument in Europa sein. Im Rückblick ist es der Anfang 1999 in Kraft getretenen Europäischen Währungsunion. Die vielen pikanten, teilweise brisanten Einzelheiten der vierstündigen Besprechung blieben 30 Jahre im Archiv. Ab heute ist nach den Freigaberegeln der Bundesbank das 73-seitige Protokoll öffentlich.

Nun stellt sich heraus, dass – entgegen späteren Beteuerungen von Schmidt – die Verhandlung zur neuen Währungsordnung fast vollständig nach den Vorstellungen der Bundesbank gelaufen ist. Einige Jahre später, nach seinem politischen Abgang im Jahre 1982 (für den der abgesetzte Kanzler die Hochzinspolitik der Bundesbank mitverantwortlich gemacht hatte), stellte Schmidt es ganz anders dar. Er hätte der Bundesbank damals mit dem Entzug ihrer legendären Unabhängigkeit gedroht, sollte sie gegen den neuen Wechselkursplan Widerstand leisten. Doch nicht der Bundeskanzler hat die Bundesbank zum Umschwenken gezwungen. Es war umgekehrt.

Kühl und entschlossen warten die monetären Gralshüter im November 1978 auf die Bonner Besucher – neben dem Kanzler auch Bundesfinanzminister Hans Matthöfer und Kanzleramt-Abteilungsleiter Horst Schulmann. Der Zentralbankrat thront auf braunen ledergepolsterten Sesseln an einem massiven ovalen Konferenztisch aus dunklem Eichenfurnier. Julia Dingwort-Nusseck die einzige Frau – eine energische ehemalige Fernsehjournalistin. Mit dabei auch Vizepräsident Karl Otto Pöhl, der 1980 Emmingers Chefposten übernehmen soll und dessen enges Verhältnis zum Kanzler sich mit der Hochzinspolitik der Bundesbank später merklich abkühlen wird. Außerdem der rigorose Chefvolkswirt Helmut Schlesinger. Mit einer gewissen Genugtuung beweist Schmidt den Währungstechnikern, dass er sich in geldpolitischen Einzelheiten fast ebenso gut auskennt wie sie.

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