Finanzbranche und Bitcoin
„Die Banken werden umgekrempelt wie die Autoindustrie“

Der Bitcoin krempelt die Finanzbranche um wie der Elektromotor die Autoindustrie, glaubt Philipp Sandner. Der Professor der Frankfurt School erklärt, welche Bank-Jobs überflüssig werden – und wo die Technik scheitert.
  • 0

DüsseldorfDer Bitcoin ist da. Und er geht, aller Unkenrufe zum Trotz, so schnell nicht wieder weg. Die Finanzindustrie hat den Aufstieg des Bitcoin und der anderen Digitalwährungen so lange ignoriert, bis es nicht mehr ging. Mit Goldman Sachs hat nun die erste große Privatbank die Kryptowährungen als Thema entdeckt – und gleich eine Preisprognose veröffentlicht. Einer, der sich schon seit Jahren mit der Thematik beschäftigt, ist Philipp Sandner. Der Professor für Digitalwirtschaft und Betriebswirtschaftslehre leitet das im Februar 2017 gegründete Blockchain Center der Frankfurt School of Finance and Management. Im Handelsblatt-Interview erklärt Sandner, warum Preisprognosen beim Bitcoin unseriös sind. Er stellt klar: Die digitalen Münzen werden die Finanzbranche umkrempeln – und Banker sollten besser heute als morgen Programmieren lernen.

Herr Professor Sandner, vor einem Jahr kostete ein Bitcoin 500 Euro. Heute liegt er bei 3.750 Euro. Wie viel ist ein Bitcoin in zehn Jahren Wert?
Auch wenn viel darüber spekuliert wird: Meiner Meinung nach ist es nicht möglich, den Bitcoin-Preis vorherzusagen. Der Bitcoin zählt zu einer ganz neuen Kategorie von Finanzprodukten. Valide Bewertungsverfahren gibt es schlicht noch nicht. Das macht es ja auch so schwierig für Regulierungsbehörden, aber auch für Banken und Analysten, mit dem Bitcoin umzugehen. Meist behilft man sich mit Analogien.

Manche Leute sagen, der Bitcoin ist eine neue digitale Weltwährung, ein Zahlungssystem. Andere sehen in ihm eine Fintech-Firma, eine Art Finanz-Start-up. Wieder andere bezeichnen ihn als eine Art Rohstoff, wie etwa Gold. Je nachdem mit welcher Analogie man startet, landet man in zehn Jahren bei einem Wert zwischen null und 100.000 Euro. Da ist alles dabei, was natürlich auch an dem aktuellen Hype liegt. Mag sein, dass die Kursblase platzt – dass der Bitcoin wieder verschwindet, glaube ich aber persönlich nicht. Das Thema Kryptowährung und Blockchain...

... die Technik, auf der die digitalen Währungen basieren, eine verteilte, transparente Datenbank...
... ist in der Welt. Das Thema wird weiter wachsen, und es wird die Geschäftsprozesse fast aller Branchen und die Art, wie wir mit Finanzen umgehen, verändern.

Ist das nicht ein wenig zu hoch gegriffen? Eine Zentralbank, die für die Stabilität der Währung garantieren würde, gibt es nicht. Regelmäßig machen Berichte über Spaltungen und Streit in der Kryptowährungs-Community die Runde. All das wirkt auf Anleger eher abschreckend.
Es stimmt schon, das Thema wirkt auf Außenstehende obskur. Die Kryptowährungen zu durchdringen, ist schwieriger, als den Immobilienmarkt zu verstehen. Häuser kann man anfassen, der Bitcoin ist ein immaterielles Gut, das für die Menschen schwer zu greifen ist. Die Folge ist erst einmal Desinteresse, und daher braucht eine Innovation wie die Bitcoin-Technologie acht bis neun Jahre Zeit, bis sie so langsam in den Köpfen angekommen ist.

Der Bitcoin ist nur digital und virtuell. Wie können Kryptowährungen dann überhaupt einen inhärenten Wert haben, Dollar, Euro und Gold ersetzen?
Zunächst einmal: Das Wort Kryptowährung hat sich etabliert, aber es führt eigentlich in die falsche Richtung. In meinen Augen gibt es zwar Währungsansätze im Krypto-Bereich, aber beim Bitcoin trifft der Vergleich mit einem Rohstoff wie Gold besser die Realität. Schon allein, weil Gold auch knapp ist. Der Bitcoin ist eher digitales Gold als eine Art digitaler Dollar. Daher können ,Krypto Assets', wie man die digitalen Währungen eigentlich nennen sollte, tatsächlich einen inhärenten Wert aufweisen. Denn: Alles, was knapp ist, kann einen Wert haben. Eigentlich ist ja Gold auch nichts anderes als ein glänzender Stein. Wir Menschen sind nur seit Jahrtausenden so sozialisiert, dass uns dieser Stein wertvoll erscheint. Und auch beim Bitcoin haben wir ein knappes Gut. Seine Anzahl ist aufgrund seiner Programmierung auf 21 Millionen Stück begrenzt. So lange genug Leute an dieses System glauben, investieren sie und hoffen auf künftige Wertsteigerungen.

Die nackte Lust an der Spekulation treibt also den Wert?
Nicht nur. Lange war der Bitcoin nur Insidern bekannt, nun wird er populär, weil er handfeste Vorteile hat. Der Bitcoin macht gerade internationale Zahlungen schneller und günstiger. Hinzu kommt, dass er sich in den letzten neun Jahren substanziell kaum verändert hat. Er funktioniert recht einfach.

Das müssen Sie erklären.
Die Bitcoin-Blockchain gibt es seit neun Jahren. Die IT-Architektur ist also sicher und wickelt seitdem Transaktionen sicher ab. Das ist ein Unikum. Wir kennen kein technisches Gerät, kein Handy, keinen Computer, das neun Jahre ohne Aussetzer funktioniert, nie gehackt wurde. Es stimmt: einzelne Eintrittspunkte, Bitcoin-Wechselbörsen, wurden gehackt. Und dabei sind auch dreistellige Millionenbeträge abhanden gekommen. Aber die Blockchain, der Kern der Technologie, ist sicher und hat sich bewährt.

Wenn alles so gut funktioniert, wie Sie sagen, dann braucht der Bitcoin also keinerlei staatliche Aufsicht?
Doch! Lange war es in Ordnung, dass sich die Regulierer zurückgehalten haben. Lange haben sich ja auch nur Experten mit dem Thema beschäftigt. Die wussten, dass ihr Geld im Augenblick des Investments auch weg sein konnte, weil es hochgradig spekulativ ist. Aber heute beginnen Privatleute und Anfänger zu investieren. Da kann der Bedarf wachsen, dass Anleger geschützt werden. Jede Aufsichtsbehörde muss aber über die Grenzen des eigenen Landes hinausschauen. Wir müssen bei der Regulierung behutsam vorgehen, da wir sonst Innovationen vertreiben. Schon jetzt siedeln Finanz-Start-ups von Berlin in die Schweiz über, weil man dort eine konstruktivere Regulierungslandschaft entwickelt hat. Ein solches Vorgehen mit Augenmaß muss es in Zukunft auch hierzulande geben. Die Bundesbank und die Bafin [Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht, d.Red.] haben sich bereits geäußert, aber möglicherweise wäre noch mehr Klarheit wertvoll.

Kommentare zu " Finanzbranche und Bitcoin: „Die Banken werden umgekrempelt wie die Autoindustrie“"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%