Finanzkrise
Lettland kämpft gegen Abwertung seiner Währung

In Lettland schwindet das Vertrauen in den Finanzmarkt. Der Interbanken-Zins liegt inzwischen bei rund 16 Prozent - ein Indikator des Misstrauens. Wie sich das nordeuropäische Land gegen die Abwertung seiner Währung stemmt.

STOCKHOLM. Der Kampf um die Stabilität der lettischen Währung Lat hat sich verschärft: Die lettische Zentralbank in Riga musste in den vergangenen Tagen nach immer neuen Abwertungsgerüchten ständig intervenieren und kaufte allein in der vergangenen Woche Lat für 134 Mio. Euro. "Wir werden nicht abwerten", versicherte gestern Lettlands Regierungschef Valdis Dombrovskis.

Die lettische Währung ist mit einer Schwankungsbreite von plus/minus einem Prozent an den Euro gebunden. Durch die Interventionen der Zentralbank stieg der Zinssatz, den die Banken untereinander für Kredite zahlen, gestern auf 16,4 Prozent. Damit liegt er höher als noch im vergangenen Herbst, als Lettland infolge der globalen Finanzkrise den Internationalen Währungsfonds (IWF) um einen Notkredit in Höhe von 7,5 Mrd. Euro bitten musste und die zweitgrößte Bank des Landes, die Parex Bank, verstaatlichte. Der Interbank-Zins ist ein Indikator, wieviel Vertrauen die Banken untereinander haben: Je höher er liegt, desto niedriger das Vertrauen.

Ein weiteres Indiz für mangelndes Vertrauen in den lettischen Finanzmarkt war gestern der vergebliche Versuch des Finanzministeriums in Riga, Staatsanleihen mit einer Laufzeit von 30 Tagen bis zu einem Jahr in Höhe von 50 Mio. Lat (75 Mio. Euro) zu verkaufen. Dennoch halten Analysten der Bank Nordea das Abwertungsrisiko in Lettland und den Nachbarländern Estland und Litauen für "gering". Die Spekulationen über eine eventuelle Abwertung des Lat hatten an Stärke zugenommen. Ein Berater der lettischen Regierung, Schwedens ehemaliger Zentralbankchef Bengt Dennis, hatte am Montag erklärt, es sei nur noch eine Frage der Zeit, wann Lettland seine Währung abwerten werde.

Dass sich Lettland mit aller Kraft gegen eine Abwertung wehrt, hat gute Gründe: Rund 85 Prozent aller Kredite sind in Euro ausgegeben. Eine Abwertung des Lat würde es für einen Großteil der Bevölkerung noch schwieriger machen, die Schulden zu tilgen. Denn derzeit leidet das baltische Land nach Jahren mit zum Teil zweistelligen Wachstumsraten wie kein anderes EU-Mitglied unter der Wirtschaftskrise. Lohnsteigerungen von bis zu 30 Prozent pro Jahr waren in der Vergangenheit keine Ausnahme, obwohl weder die Inflation noch die Produktivität entsprechend zugenommen hatten. Mit der Finanzkrise brach der Immobilienmarkt zusammen und viele Letten können ihre Hypotheken nicht mehr zurückzahlen. Die lettische Regierung rechnet für das laufende Jahr damit, dass die Wirtschaft um bis zu 18 Prozent schrumpft.

Damit Lettland die Wirtschaft stabilisieren kann, benötigt es im Juli die zweite IWF-Zahlung von 1,2 Mrd. Lat. Allerdings hat der IWF dafür rigorose Haushaltskürzungen gefordert, über die das Parlament in zwei Wochen entscheiden wird. Vor diesem Hintergrund ist nach Ansicht von Richard Henze, Analyst bei ABG Sundal Collier, auch die Unruhe über die Entwicklung in Lettland zu sehen.

Die schwedischen Banken Swedbank, SEB und Nordea haben im gesamten Baltikum Kredite in Höhe von 53 Mrd. Euro vergeben. Im Falle einer Abwertung müssten sie mit hohen Kreditverlusten rechnen. Deshalb unterstützt auch die schwedische Regierung Lettland im Kampf gegen eine Abwertung.

Helmut Steuer berichtet für das Handelsblatt aus Skandinavien. Regelmäßig ist er auch in der Ukraine unterwegs.
Helmut Steuer
Handelsblatt / Korrespondent
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