Findige Italiener machen Geschäfte
Der lange Abschied von der Lira

Viele Italiener können sich nur schwer an den Euro gewöhnen und sehnen sich nach ihrer alten Währung. Findige Händler von hauptsächlich kleineren Läden profitieren von der Nostalgie.

HB ROM. Wir akzeptieren auch Zahlungen in Lire“ – ein einfacher Computerausdruck im Schaufenster preist die besondere Dienstleistung des Parfümerie- und Modeschmuckladens Tiffany an. Hier in der Viale Somalia im Nordosten von Rom, zwischen Zeitungsläden und Cafe-Bars, sind die Banknoten mit den vielen Nullen noch in Kraft.„Schauen Sie mal“, sagt Vilma Ceccaroni, die Besitzerin von Tiffany und holt eine kleine grüne Plastiktüte unter der Glastheke hervor. In ihrer Hand wiegt sie die jüngste Ausbeute der 100- 200- und 500-Lire-Stücke. Die Scheine liegen in einem Umschlag oben auf. „Das sind die Einkünfte in Lire dieser Woche. Es dürften so zwischen 500 000 und 600 000 Lire sein“, schätzt sie.

Umgerechnet sind das immerhin fast 300 Euro. Erst vor wenigen Stunden hat eine Kundin in der alten Landeswährung gezahlt. Vilma Ceccaroni wird die Münzen und Banknoten in den kommenden Tagen persönlich zur Zentralbank, der Banca d’Italia, in der Via Nazionale im Zentrum der Hauptstadt bringen. „Die kennen uns da schon“, scherzt die patente Frau mit den kurzen Haaren und der rauen Stimme inmitten ihrer Parfüms, Bürsten und Cremes. Nicht nur die Deutschen trauen der D-Mark nach. Auch viele Italiener sehnen sich mittlerweile nach der alten Lira zurück. Vor allem wegen der stark gestiegenen Preise im Einzelhandel ist aus den heißen Befürwortern der Einheitswährung ein Volk von Kritikern geworden. Im Sommer hatte der italienische Sozialminister Roberto Maroni von der Regionalpartei Lega Nord gefordert, die Lira wieder einzuführen – wenn auch ohne Erfolg. Auch Ministerpräsident Silvio Berlusconi lässt keine Gelegenheit aus, „Prodis Euro“ die Schuld für die schwache Wirtschaft seines Landes zu geben. Unternehmer und Manager verteidigen zwar die europäische Währung, ihre Stimmen gehen jedoch im Chor der Kritiker oft unter.

Vilma Ceccaroni aus der Viale Somalia nimmt die Lira gerne. Aber auf den Euro schimpfen liegt ihr nicht. „In vielen Bereichen sind die Preise gestiegen, das stimmt. Aber ohne den Euro hätte Italien die Finanzskandale von Cirio und Parmalat längst nicht so gut überlebt“, analysiert die Geschäftsfrau mit kühlem Verstand die Lage.

Den findigen Kaufleuten, die ihren Kunden auch Lire abnehmen, dürfte die politische Diskussion ohnehin egal sein. Indem sie auch die alte Währung akzeptieren, machen sie ein gutes Zusatzgeschäft. Während in Deutschland vor allem Kaufhäuser wie C&A mit großen Sonderaktionen D-Mark-Tage ausrufen, sind es in Italien hauptsächlich kleinere Läden, die den Verkauf mit dem Nostalgie-Service ankurbeln wollen.

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