Fünf Fragen an: Thomas Stolper
„Reservestatus des Dollars ist in Gefahr“

Der Währungsexperte bei Goldman Sachs in London, Thomas Stolper, spricht im Handelsblatt-Interview über die Schwäche des Dollars, eine mögliche Ablösung durch den euro als Reservewährung, und den Aufwertungsdruck in China.

Handelsblatt: Sie sehen die Rolle des Dollars als Reservewährung in Gefahr. Wie ernst ist diese Bedrohung?

Thomas Stolper: Ziemlich ernst. Es gibt immer mehr Berichte über Firmen, die in Euro bezahlt werden wollen statt in Dollar, vor allem in Asien und im Nahen Osten. Wir haben vor kurzem unsere Klienten befragt, ob sie glauben, dass der Euro dem Dollar die Stellung als Reservewährung streitig machen kann, und die große Mehrheit hielt das für wahrscheinlich. Allerdings glaubten nur wenige, dass das schon in den nächsten zwei Jahren passiert.

Wie lange könnte sich dieser Prozess hinziehen?

Generell dauert es sehr lange, bevor eine Reservewährung vollständig ersetzt wird. Ein gutes Beispiel ist das britische Pfund. Obwohl es zwischen den Weltkriegen mehr oder weniger vom Dollar abgelöst wurde, wurden Kupferpreise bis in die 90er Jahre in beiden Währungen notiert.

Sehen Sie denn aktuell Parallelen zu diesem Wendepunkt im Weltwährungssystem?

Viele der typischen Faktoren, die zu der Ablösung des Pfundes als Reservewährung führten, treffen derzeit auf die USA zu: kontinuierliche Abwertung, ein hohes Leistungsbilanzdefizit, der schwindende geopolitische Einfluss, Wirtschaftsschwäche und Zweifel an der Kreditwürdigkeit, vor allem der amerikanischen Haushalte.

Der Dollar wird bislang von einem Kartell von Notenbanken gestützt. China, die Golfstaaten und Russland sitzen auf großen Dollar-Beständen und wollen verhindern, dass diese abgewertet werden. Wie lange wird dieses Kartell angesichts der aktuellen Dollar-Schwäche noch halten?

Das größere Problem für diese Länder ist der Aufwertungsdruck, unter dem die eigenen Währungen stehen. Das bedeutet zum Beispiel in China, dass der Wert dieser Reserven in Yuan ausgedrückt immer geringer wird. Und je länger die Yuan-Aufwertung durch weitere Interventionen verzögert wird, desto größer sind die Währungsreserven und damit die Bewertungsverluste, wenn es dann doch zur unvermeidbaren Aufwertung kommt.

Sehen das die betroffenen Länder genauso?

Viele Politiker haben das Problem erkannt, wie man an der wachsenden Wechselkursflexibilität erkennen kann. Diese Entwicklung ist zwar langwierig, wird aber bedeuten, dass sich die Zentralbanknachfrage nach Dollar stärker verringern wird als die Nachfrage nach Euro – einfach deshalb, weil Zentralbanken derzeit noch mehr Dollar anhäufen als Euro.

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