Gastkommentar Konrad Hummler
„Europa droht zum Krisengebiet zu werden“

Die Euro-Krise erschüttert Europa in seinen Grundfesten. Der Kontinent wird um ein Kapitel seiner Geschichte reicher, die Menschen aber ärmer, fürchtet der Schweizer Privatbankier Konrad Hummler. Eine Analyse.
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St. GallenDie Geschichte Europas wird in diesen Tagen und Wochen ganz bestimmt um einige Kapitel erweitert. Wer an die Europäische Union und ihre Institutionen glaubt, ist der Überzeugung, dass einmal mehr die Krise den Fortschritt beflügelt.

Europa steht vor der Frage, ob der Vektor in Richtung von mehr „Einheit“ und „Zusammenhalt“ wirklich der richtige ist beziehungsweise ob am Ende die Friedensordnung – es ginge dann ja um deutlich mehr als lediglich den sozialen Frieden! – nicht durch solcherart Fortschritt mehr gefährdet würde als durch deutlich dezentralere Varianten. Die grossen Schwierigkeiten, welchen sich die Eurozone heute ausgesetzt sieht, werden auf den Mangel an „Einheit“ und „Zusammenhalt“ in Fragen der Fiskal-, Steuer-, Sozial- und Wirtschaftspolitik zurückgeführt.

Wenn in all diesen Bereichen einheitlich hätte bestimmt und kontrolliert werden können, dann wäre die desaströse Schuldenanhäufung in verschiedenen Mitgliedsländern gar nicht erst erfolgt, wird argumentiert. Folglich müsse die Eurozone „vertieft“ werden. Begriffe wie „europäische Wirtschaftsregierung“ oder „europäischer Finanzminister“ finden neuerdings Verwendung. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass es unter dem Einfluss der Eurokrise nicht um „zwei Schritte nach vorn, einen Schritt zurück“, sondern um einen regelrechten Galopp in Richtung Vereinheitlichung geht.

Das Problem liegt darin, dass für diese Art Umgang innerhalb Europas Führung notwendig wäre. Darum ist die EU bei Lichte besehen bis anhin herumgekommen. Im Kalten Krieg lag die Führung Westeuropas ganz klar bei den USA. Französische Abweichungen und italienische Frivolitäten wurden innerhalb eines bestimmten Rahmens geduldet, aber wenn es hart auf hart kam, dann war die Hackordnung klar, zumal das wirtschaftlich bedeutendste Land, die Bundesrepublik Deutschland, ohnehin eng an die Siegernation jenseits des Atlantiks geknüpft war. Nach dem Mauerfall entstand eine Art Kollektivführung durch die wichtigeren EU-Länder (mit nach wie vor stiller Teilhabe der USA). Sie konzentrierte ihre Aktivität auf die räumliche Ausweitung der Union. Den Rest der Führungstätigkeit, das heisst die Verwaltung der rasch wachsenden Institution, konnte man getrost einer Gruppe von Technokraten anvertrauen, die jenseits „vertiefender“ Entscheidungskompetenzen ihrer Tätigkeit nachgehen konnten.

Nun, worin bestünde denn die Führungsaufgabe einer europäischen Wirtschaftsregierung beziehungsweise eines europäischen Finanzministers? Müssten sie die Schuldenkrise der peripheren Euroländer in den Griff bekommen? Ja, aber das wäre nicht hinreichend. Die Staatsschuldenkrise in der Eurozone entspricht nämlich nur einem Teil der Herausforderung, ja, ist vielleicht nur äusserlich sichtbares Symptom einer viel schwerwiegenderen Problematik. Sie liegt in den weit auseinanderklaffenden Vorstellungen und Usanzen, was Arbeit und Produktivität betrifft. Was hätte zusammenwachsen müssen, liegt nach wie vor weit auseinander. Entsprechend gibt es innerhalb des „grössten Binnenmarkts der Welt“ ein eklatantes Gefälle zwischen den Leistungsbilanzen.

Nicht einmal das hochindustrialisierte, über Spitzentechnologie verfügende Frankreich kann sich wirklich mit Deutschland messen. Wenn man die Wirtschaftlichkeit der französischen und der deutschen Automobilindustrie vergleicht, dann zeigt sich, dass für ein (mehr oder weniger) homogenes Produkt völlig unterschiedliche Voraussetzungen vorliegen. Ja, wir gehen so weit zu behaupten, die Wettbewerbsfähigkeit der Franzosen habe sich seit dem Jahr 2000 kaum verbessert, sondern, relativ gesehen, verschlechtert.

Kommentare zu " Gastkommentar Konrad Hummler: „Europa droht zum Krisengebiet zu werden“"

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  • @Eldiablo: Schon mal darüber informiert das zu diesen beschaulichen "offiziellen 211Mrd.", die EZB die ganze Zeit Schrottanleihen aufkaugt(Target). Desweiteren ist der Vertragsentwurf zum ESM im Internet nachzulesen. (ein kompletter, unbegrenzter Freibrief). Hier spielen sich unglaubliche Szenen ab...

  • Die Überzeugung, dass die Euro-Mani letztlich den Frieden viel eher gefährdet als stabilisiert, wird empirisch durch zahlreiche andere Unionen und Zwangsverbünde belegt.

    Es knall spätestens, wenn die Menschen sich zwar an die Transferunion - jedoch nicht an den neuen Arbeitsrhytmus gewöhnt haben. Nun ja, der Deutsche ist ja als belastbar bekannt. Bis jemand mit Talent auf die Idee kommt, die nationale Trommel zu rühren.

  • ja. wir schauen immer woanders hin und reagieren dann umso extremer. das ist das deutsche naturell und wird sich nie ändern. so war es vor über 60 jahren und irgendwie hab ich das gefühl, dass nach der jahrtausenwende wieder die kacke am dampfen ist. bloß am ende sitzen immer noch die oben, die oben bleiben wollten. revolution von unten nach oben gibts nicht. das hat uns die geschichte gelehrt. es hilft nur ein reset.

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