Geld fließt in den Aufbau neuer Wirtschaftszweige
Golfstaaten suchen Unabhängigkeit vom Öl

Die Ölförderländer am Arabischen Golf schwimmen in Geld. Der Höhenflug der Ölpreise beschert ihnen Einnahmen wie nie zuvor. Schon zeichnet sich am Golf eine gefährliche Spekulationsblase ab, denn die Petrodollar suchen nicht mehr den direkten Weg an die Wall Street, nach London oder Frankfurt.

DUBAI. Immer mehr arabische Millionäre legen ihr Geld im eigenen Land an, mangels Alternativen nach der Börse am liebsten in Immobilien. Ob in Katar, Abu Dhabi oder Dubai: Baukräne sind das auffälligste Zeichen für die Bemühungen, die Petrodollar unterzubringen. Ganze Städte werden in den Golfstaaten aus dem sandigen Boden gestampft, vor den Küsten wachsen künstliche Inseln mit Luxusdomizilen für die Superreichen dieser Welt aus dem Wasser. Im ohnehin an Attraktionen nicht armen Dubai eröffnet in diesem Monat mit der Dubai International Financial Exchange nicht nur die erste für Ausländer offene Börse, sondern auch die größte Einkaufsmall der Welt - Skiarena inklusive.

Die Golfstaaten nutzen die Geldschwemme aber auch, um sich für die Zukunft zu rüsten. "Wir haben jetzt die Chance, um uns langfristig vom Öl unabhängig zu machen", sagt Scheicha Lubna Al-Quasimi, die energische Wirtschaftsministerin der Vereinigten Arabischen Emirate. In Dubai ist man dank der großzügigen Geldspritzen aus dem benachbarten Abu Dhabi, der Nummer vier unter den Ölförderländern des Mittleren Ostens, schon einen großen Schritt vorangekommen. Das Emirat investiert seit Jahren in neue Wirtschaftszweige und baut ein Netzwerk neuer Freihandelszonen auf: Media City, Knowledge Village, Internet City, Dubailand und Financial Centre heißen sie. Südlich des alten Stadtzentrums entsteht ein riesiger Gürtel mit Freizeit- und Dienstleistungsparks, die ausländische Investoren und Touristen gleichermaßen anlocken sollen.

Im benachbarten Katar geht Emir Hamad bin Khalifa Al-Thani einen ähnlichen Weg. Mit über 20 Prozent Wachstum ist Katar eine der am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften der Region. Die Einnahmen aus dem Öl- und Gasgeschäft will auch der Emir in die Diversifizierung stecken. "Unser Augenmerk richtet sich vor allem auf die Infrastruktur und den Ausbau der Bildungssysteme", sagt der agile Wirtschaftsminister Mohamed bin Ahmed Jassim Al-Thani. Katar liebäugelt mit dem Bau einer Transrapid-Strecke, um den wachsenden Transportbedarf zwischen Bahrein im Norden und den Emiraten im Süden abdecken zu können. Der Golfstaat will sich als Konferenzzentrum, als Finanzmarkt und als Sportarena der Golfregion einen Namen machen.

Auch Saudi-Arabien kurbelt neue Projekte an. Die prall gefüllten Erdölkassen haben im saudischen Königreich ebenso wie in den Golfanrainern einen regelrechten Investitionsboom ausgelöst. Im ersten Halbjahr 2005 wurden nach Angaben der saudischen Regierung Investitionslizenzen über umgerechnet 15 Mrd. Euro ausgegeben - siebzehnmal so viel wie im Jahr zuvor. Ein Großteil fließt in die Modernisierung der Petrochemie, aber auch in die Metall- und Nahrungsmittelverarbeitung.

Saudi-Arabien steht wie auch andere Länder des Mittleren Ostens vor einem riesigen Problem: In den nächsten Jahren müssen nach Schätzung der Weltbank über 100 Millionen neue Arbeitsplätze für die heranwachsende Jugend geschaffen werden. Dazu ist ein weitaus höheres Wachstum notwendig, als die Länder des Mittleren Ostens bisher erreichen. Denn trotz der reichlich fließenden Petrodollar bleibt das durchschnittliche Wachstum bescheiden. Auf 4,3 bis 4,9 Prozent schätzt Mustafa Nabli, Chefökonom der Weltbank für die Region, das Wachstum für 2005 und 2006. Notwendig wären mindesten 6 bis 7 Prozent, um den Druck vom Arbeitsmarkt zu nehmen.

Bis auf die Petrochemie haben in der Golfregion bislang vor allem die Bau- und Zementindustrie vom Ölreichtum profitiert. Die meisten Initiativen gehen vom Staat aus. Ökonomen fordern daher mit Nachdruck, die Privatwirtschaft schneller zu entwickeln und die Wirtschaftsbasis zu verbreitern. Doch der Appell verhallt. "Unsere Unternehmer zeigen zu wenig Initiative", klagt Sameer Al Ansaari, Chef der Investitionsgesellschaft Dubai International Capital. "Bei all dem leicht verdienten Geld ist die Versuchung groß, die Hände einfach in den Schoß zu legen."

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