Gemeinschaftswährung angeblich Verursacher der deutschen Wachstumsschwäche
Debatte über Scheitern drückt Euro-Kurs

Eine neue Unsicherheit über die politische und wirtschaftliche Zukunft der Europäischen Union hat am Mittwoch den Euro unter Druck gebracht. Die Gemeinschaftswährung fiel bis gegen Mittag um fast einen US-Cent auf 1,2251 Dollar und notierte damit so niedrig wie seit Oktober vergangenen Jahres nicht mehr.

HB BERLIN. Der starke Rückgang des Kurses wurde von Medienberichten ausgelöst, wonach Volkswirte im Beisein von Bundesbankchef Axel Weber und Finanzminister Hans Eichel (SPD) über ein mögliches Scheitern der Wirtschafts- und Währungsunion (WWU) und somit des Euro gesprochen haben.

Dies löste bei Händlern und Volkswirten Unverständnis aus. „Die aktuelle Debatte bezüglich einer Auflösung der WWU geht an die Grenze der Seriosität“, sagte Folker Hellmeyer, Volkswirt der Bremer Landesbank. Andreas Hahner, Devisenstratege bei Dresdner Kleinwort Wasserstein, hält eine Auflösung der Wirtschafts- und Währungsunion für „vollkommen unrealistisch“. Einige Händler äußerten sich weniger diplomatisch. „Das ist absoluter Müll, den Euro wieder abschaffen zu wollen“, schimpfte einer. Ein anderer sagte, dass die Debatte nicht gerade „vertrauensbildend für eine Währung“ sei.

Sprecher Eichels und Webers versicherten am Mittag, weder der Finanzminister noch der Bundesbankchef sähen die Gefahr, dass die Wirtschafts- und Währungsunion scheitern könnte. Dem Euro-Kurs half das zunächst kaum. Ein mit den Gesprächen Vertrauter sagte der Nachrichtenagentur Reuters, bei dem Treffen Eichels mit Weber und einigen Bankvolkswirten in der vergangenen Woche sei das Thema aufgekommen. Es sei aber hauptsächlich um die Wachstumsdifferenzen im Euro-Raum gegangen. Eichel und Weber selbst hätten dazu nichts gesagt.

Das Hamburger Magazin „Stern“ hatte zudem berichtet, das Finanzministerium mache den Euro für die anhaltende Konjunkturschwäche in Deutschland verantwortlich. Der „Stern“ beruft sich auf einen „Hintergrundvermerk zum Anpassungsprozess an die Europäische Wirtschafts- und Währungsunion“, wonach Deutschland mit der Euro-Einführung seinen Realzins-Vorteil gegenüber den anderen Staaten der Währungsunion verloren habe.

Den früheren Hochzinsländern Griechenland, Irland, Portugal und Spanien habe der Euro „enorme Finanzierungsvorteile“ gebracht, während er in Deutschland wie eine Wachstumsbremse wirke. Allein für Spanien mache der Effekt 3,1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus, während für Deutschland der Nachteil 1,4 Prozent betrage.

Auslöser der Euro-Verkäufe in dieser Woche war das Votum der französischen Wähler gegen die EU-Verfassung. Zwar war dies an den Märkten weitgehend erwartet worden, doch fiel der Euro dann stärker als im Vorfeld antizipiert. „Dadurch kam zusätzlicher Druck auf“, sagte ein Händler. „Die meisten hatten einfach nicht mit einem festen Dollar gerechnet. Deshalb mussten sie rasch reagieren.“ Nachdem der Euro dann verschiedene charttechnische Unterstützungsmarken nicht verteidigen konnte, habe sich der Kursrückgang noch verstärkt.

Neben den politischen Querelen belasteten den Euro die schwachen Wachstumsaussichten für die europäische Wirtschaft. So fielen die Reuters-Einkaufsmanagerindizes für das verarbeitende Gewerbe in Deutschland und der Euro-Zone schlechter als erwartet aus. Damit nahmen die Spekulationen auf fallende Zinsen in der Euro-Zone wieder zu. Mit zwei Prozent liegen die Leitzinsen in der Euro-Zone seit Sommer 2003 unter dem US-Zinsniveau von drei Prozent.

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