Gigantische Milliardenhilfe
Dollar im Würgegriff

Das teure Rettungspaket der Regierung in Washington schürt Misstrauen bei den Investoren. Der Etat und die Leistungsbilanz laufen aus dem Ruder, der Greenback steht vor massiven Wertverlusten: Ökonomen befürchten eine Inflationswelle.

FRANKFURT/BERLIN. Ökonomen befürchten, dass den USA wegen billionenschwerer Staatsausgaben und Garantien für den notleidenden Finanzsektor eine Inflationswelle droht. Seit Finanzminister Hank Paulson die jüngste Stützungsaktion von 700 Mrd. Dollar - etwa fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts - zum Aufkauf problematischer Wertpapiere von den Banken angekündigt hat, ist der Dollar gegenüber den wichtigsten Währungen deutlich gefallen. Der Euro stieg am Dienstag im frühen Handel bis auf 1,4766 Dollar. Gegenüber dem am Montagmittag festgelegten Referenzkurs der Europäischen Zentralbank lag die Gemeinschaftswährung damit rund zwei US-Cent höher. Das markiert eine Trendwende für den Dollar, der sich zuvor wegen einer weltweiten Flucht in sichere Anlagen kräftig erholt hatte.

Schon vorher hatte Paulson erklärt, Geldmarktfonds mit staatlichen Garantien im Volumen von 50 Mrd. Dollar zu stützten. Auch für die Übernahme des Versicherers AIG und der Hypothekenfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac sowie die Abwicklung der Investmentbank Bear Stearns machte der Staat Milliarden für Garantien oder direkte Käufe von Wertpapieren locker. Wie viel von diesen Summen letztlich als Verlust am Steuerzahler hängen bleibt, wird man erst nach dem Ende der Krise wissen.

"Die US-Notenbank wird nicht umhinkommen, die zusätzlichen Staatsschulden durch Inflation zu entwerten. Deshalb wird es eine Flucht aus dem Dollar geben", sagte Albert Edwards, Chefstratege der französischen Großbank Société Générale, dem Handelsblatt. "Der Dollar wird unter die Räder kommen", stieß John Taylor, Chef des weltweit größten Währungs-Hedge-Fonds International Foreign Exchange Concepts im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Bloomberg ins gleiche Horn. "Die Belastung für den Dollar aus der Zerrüttung der Staatsfinanzen wird viel stärker durchschlagen, als die kurzfristigen Vorteile aus der Lösung der Bankenkrise", sagt auch David Woo, Chef-Währungsstratege der Investmentbank Barclays Capital.

Andere Experten sind nicht so pessimistisch für den Dollar. "Alles hängt davon ab, ob die Welt bereit ist, den USA nochmals deutlich mehr Staatsschuldscheine abzunehmen", sagte Sebastian Edwards, einer der führenden Ökonomen auf dem Gebiet der internationalen Wirtschaftsverflechtungen, dem Handelsblatt. Der Professor an der University of California in Los Angeles ist zuversichtlich, dass diese Bereitschaft weiter da sein wird. "Die produktive Kraft der US-Wirtschaft ist groß, und die Regierung wird einen beträchtlichen Teil der eingesetzten Gelder wieder hereinholen können", begründete er sein Urteil.

Allerdings ist Sebastian Edwards auf kurze Sicht ebenso pessimistisch für die Weltwirtschaft wie sein Namensvetter von der Société Générale. "Es gibt keinen Zweifel, dass wir eine globale Rezession erleben werden", sagt Sebastian Edwards. Im besten Fall, wenn die Maßnahmen der Regierung das Vertrauen der Marktakteure wiederherstellten, sei eine Konjunkturerholung im Herbst 2009 denkbar. "Wenn nicht, dann erleben wir eine lang anhaltende Schwächephase. Wegen der geringeren Steuereinnahmen und der höheren Ausgaben für Sozialhilfe würde eine ausgeprägte und lange Rezession den Staatshaushalt zusätzlich zerrütten.

Der Währungsstratege der Investmentbank Morgan Stanley, Stephen Jen, teilt die Dollar-Skepsis seiner Kollegen nicht. Er zieht aus einer Untersuchung großer Rettungsaktionen für den Finanzsektor die Schlussfolgerung, dass die Schwächephase für die jeweils betroffene Währung meist mit Verabschiedung des Rettungspakets beendet sei. Trotz der hohen Kosten für den Staat mache eine Bankenrettung die Währung eher stärker als schwächer.

Seite 1:

Dollar im Würgegriff

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%