Heimische Wirtschaft ist abhängig von Rohstoffimporten - Die Not macht erfinderisch
Deutschlands Bodenschatz ist die Kohle

Preissteigerungen bei wichtigen Roh- und Werkstoffen stellen die deutsche Industrie vor große Herausforderungen. Chemie-, Tourismus- und Luftfahrtunternehmen sowie Automobilbauer leiden unter hohen Ölpreisen. Stahl und Metall verarbeitende Industriezweige sind vom Kostenanstieg bei Erzen, Kokskohle und Stahlschrott betroffen.

HB HAMBURG. „Die Preisentwicklungen auf den Rohstoffmärkten wirken sich auf die gesamte industrielle Wertschöpfungskette aus und stellen eine außerordentliche Belastung für deutsche Unternehmen dar“, sagte jüngst Jürgen Thumann, Präsident des Bundesverbandes der deutschen Industrie (BDI), anlässlich einer Konferenz zur Rohstoffsicherung in Berlin. Ein Ende der Problematik ist nicht in Sicht.

Dabei geht es nicht nur um den Preis, sondern auch um den Zugang zu günstigen Rohstoffen. Deutschland verfügt zwar über Bodenschätze wie Braun- und Steinkohle, Salz sowie Kaolin. „Aber im Kreis der führenden Industrienationen nehmen wir eine traurige Sonderstellung ein. Deutschland ist die einzige Nation der G8-Staaten, die kein eigenes Erdöl besitzt und auch keine nennenswerten Erze oder Metalle. Und wir verfügen auch nicht wie etwa Frankreich oder Großbritannien über besondere Beziehungen zu rohstoffreichen Ländern“, sagt ein Experte. Damit sei die heimische Wirtschaft sehr abhängig und anfällig. Was kann Deutschland tun? Rohstoff-Unternehmen kaufen, so wie China und Indien es anstreben?

Die Antwort der Wissenschaft darauf ist eindeutig: „Nein“, sagt Professor Henning Klodt vom Fachbereich Globalisierung und Strukturwandel des Kieler Instituts für Weltwirtschaft. „Solange die Welt-Rohstoffmärkte funktionieren, brauchen wir das nicht.“ Es könne für ein Industrieunternehmen nachteilig sein, Anteile an einer Rohstofffirma zu halten. Damit büße es an Flexibilität ein. „Wertvolle Liquidität wird gebunden und steht nicht mehr für die operative Ausrichtung des Unternehmens zur Verfügung. Außerdem erfolgt damit die Festlegung auf einen Lieferanten, der nicht der effizienteste sein muss“, sagt Klodt. Aus betriebswirtschaftlicher Sicht bringe das für die Rentabilität des Industrieunternehmens also gar nichts.

Und aus volkswirtschaftlicher Sicht? „Das Argument, ein Land müsse sich selbst versorgen können und deshalb eigene Rohstoffunternehmen besitzen, macht ohne Krisenszenario keinen Sinn und ist längst überholt“, sagt Klodt. Und bei ernsthaften weltpolitischen Konflikten ließen sich Eigentumsrechte an ausländischen Rohstoffquellen ohnehin kaum durchsetzen. „Die Abhängigkeit der deutschen Wirtschaft vom internationalen Handel lässt sich nicht zurückdrehen. Und das ist auch nicht nötig, denn die Globalisierung führt der Tendenz nach zu mehr Arbeitsteilung und mehr Markt“, so Klodt. Der Welthandel und die internationalen Direktinvestitionen seien in den vergangenen Jahren schneller gestiegen als die weltweite Produktion von Gütern.

Deutschlands Rohstoffschwäche birgt auch Chancen. Der Mangel an wichtigen Ressourcen hat der Industrie Impulse gegeben. „Deutsche Betriebe haben bei der Herstellung und Verarbeitung von Rohstoffen eine enorme Materialeffizienz erreicht“, sagt Heiko Willems, Rohstoff-Experte beim BDI. Bei der Entwicklung energiesparender Produkte und der Nutzung alternativer Energien habe Deutschland einen technologischen Vorsprung.

Auf die Frage, wie die Wirtschaft ihre Versorgung mit Rohstoffen sichern kann, antwortet Willems: „Ein Patentrezept gibt es nicht.“ Jedes Unternehmen sei zunächst für sich selbst verantwortlich. Dabei gebe es verschiedene Möglichkeiten wie langfristige Lieferverträge, ein aktives Vorratsmanagement oder die Preisabsicherung an den Rohstoffbörsen. „Der Weg Chinas, sich Ressourcen über Unternehmenskäufe zu erschließen, ist für die deutsche Industrie schwierig. Denn bei den chinesischen Unternehmen handelt es sich in aller Regel um Staatsbetriebe, denen andere Mittel für eine solche Strategie zur Verfügung stehen als der deutschen Konkurrenz“, so Willems.

Und wie können Banken die Unternehmen unterstützen? „Eine wesentliche Aufgabe besteht darin, die Märkte um die Rohstoffe herum zu fördern“, sagt Klaus Martini, Global Chief Investment Officer bei der Deutschen Bank. Beispiele seien das Aufstellen und Berechnen von Rohstoffindizes sowie das Anbieten von Hedging-Instrumenten. Beides erhöhe die Transparenz, Effizienz und Liquidität des Rohstoffhandels.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%