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Hintergrund: Rekordspritpreis lässt polnische Tankstellenkassen klingeln

"Prosche barzo" - auf deutsch "Bitte schön" - klingt es gleich aus drei Kehlen an den Tankstellenkassen bei Filip Adamczyk.

dpa-afx STETTIN/PASEWALK. "Prosche barzo" - auf deutsch "Bitte schön" - klingt es gleich aus drei Kehlen an den Tankstellenkassen bei Filip Adamczyk. Der 27-Jährige aus Stettin (Szczecin) leitet eine polnische bp-Tankstelle kurz hinter dem Grenzübergang Linken (Kreis Uecker-Randow) und hat mit den drei jungen Damen an den Kassen alle Hände voll zu tun. Das Preishoch an den deutschen Zapfsäulen beschert dem östlichen Nachbarn seit Jahren gute Umsätze, jetzt reißt der Strom der Benzin- und Dieselkäufer auch am Sonntag nicht mehr ab.

Die billigeren Preise in Polen haben seit Jahren das Netz an Tankstellen auf deutscher Seite ausgedünnt. Wenn die Autofahrer aus Stralsund, Güstrow, Neubrandenburg und dem Norden Brandenburgs in Richtung Stettin fahren, liegt 25 Kilometer vor der Grenze in Pasewalk die letzte "Tanke", die Bernd Wirzbicki betreibt. Auf polnischer Seite warten auf einem Kilometer drei Tankstellen, Adamczyks ist mit zwölf Säulen die größte.

"Die Preise hier sind mit 4,48 Zloty pro Liter für Super - das entspricht rund 1,13 Euro - völlig in Ordnung", befindet Yvonne Patzak. "Aber in Deutschland sind die wohl völlig verrückt geworden", meint die 29-jährige Verkäuferin, die mit drei Begleitern aus Stralsund zum Shoppen rund 200 Kilometer gefahren ist. "Da nehmen wir natürlich Sprit noch mit", sagt sie. Zwei Stunden fahren sie zurück. Nur zum Tanken zu kommen, lohne nicht, aber die Polen hätten mit modernen Großmärkten bei der Verkaufskultur schon stark aufgeholt. So gibt es Tanzschulen, die in Stettin regelmäßig Ballkleider kaufen.

Auch Manfred Hilgert aus dem brandenburgischen Gransee (Kreis Oberhavel) ist 100 Kilometer "zum Einkaufen" gefahren und tankt voll, bevor es zurückgeht. "Ich habe die brandenburgischen Übergänge Hohenwutzen und Schwedt ausprobiert, aber hier ist es am besten", sagt der Kraftfahrer. Vor und hinter ihm drängeln sich Autos mit grenznäheren Kennzeichen: UER, NB, UM, MST, OVP. Viele von ihnen haben Kanister mit, gegenüber auf dem Markt werden diese gleich noch mitverkauft. Wie viel Leute am Tag tanken, darf Adamczyk nicht sagen: "Firmengeheimnis". Aber keine der zwölf Säulen steht tagsüber leer, ebenso wie die Schalter des benachbarten Fast-Food-Imbiss.

Die Tankstelle gehört zu den modernsten ihrer Art, ist klimatisiert und eine von sieben der Marke in Stettin, weitere gibt es auf der polnischen Seite in Schwedt, Frankfurt/Oder und Guben. Damit die Fast-Food-Kette nicht allein vom Einkaufstourismus profitiert, hat Adamczyk gerade ein "Petit Bistro" einbauen lassen. Ein polnischer Polizist wartet und geleitet Angestellte mit dem Geld in die Stadt.

Für Wirzbicki, der in Pasewalk 1,44 Euro pro Liter Super auspreist, ist es jetzt "höchste Zeit zum Handeln". "Öko- und Mineralölsteuer aussetzen oder wenigstens um zehn Cent ablassen", fordert er. Die Autoschlange auf der B 104 wälzt sich weitgehend an seiner Tankstelle vorbei. "Manche tanken noch soviel, dass sie nach Polen kommen", sagt eine Angestellte. "Wer hier für 800 Euro im Monat arbeitet, kann sich bald gar keinen Sprit mehr leisten - wir brauchen einen Regierungswechsel", meint Wirzbicki bestimmt. Seit 1992 trotzt er mit neun Beschäftigten der besonderen Grenz-Konkurrenzsituation - "Aber wie lange noch?"

Am Grenzübergang in Linken registrieren die Bundespolizisten "einen leicht erhöhten Durchlauf". Das habe aber nicht zwingend mit dem Preishoch zu tun, sondern immer zum Monatsanfang sei das so, heißt es. Dann bekämen Rentner und Hartz IV-Empfänger Geld und deckten sich ein. Ab Monatsmitte kämen dann die Angestellten. Trotzdem und obwohl die Abfertigung nach dem EU-Beitritt stark vereinfacht wurde, baut sich eine rund 500 Meter lange Schlange auf, die aber in fünf Minuten durchgewunken ist./ww/DP/zb

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