Höchster Stand seit über vier Monaten
Subprime-Krise treibt Yen

Die Turbulenzen im weltweiten Finanzsystem haben internationalen Investoren die Lust am Risiko verdorben. Nun lösen sie spekulative Yen-Positionen auf – was die Währung in die Höhe treibt. Am Mittwoch lag der Yen auf dem höchsten Stand seit über vier Monaten. Eine weit reichende Rückabwicklung der Geschäfte könnte nicht nur die japanische Wirtschaft schmerzen.

TOKIO. Die japanische Währung notierte gestern zum Euro mit gut 157 Yen und zum Dollar mit knapp 117 Yen. Damit lag der Yen auf dem höchsten Stand seit über vier Monaten. „Der Yen ist derzeit zum Euro ein Outperformer, er hat die psychologisch wichtige Marke von 160 Yen pro Euro durchbrochen“, sagen die Devisenexperten der Credit Suisse. Ein weiterer Rückgang des Euros sei nicht ausgeschlossen. Auch andere asiatischen Währung sind betroffen: Die indische Rupie, die indonesische Rupie oder der koreanische Won fielen kräftig. „Dies sind typische Zielwährungen für Devisengeschäfte, die nun aufgelöst werden“, sagt Stewart Newnham von Morgan Stanley.

In Zeiten der Unsicherheit an den Märkten ziehen sich spekulative Anleger wie Hedge-Fonds aus Positionen zurück, die riskant sind und in denen hohe Summen stecken. Beides trifft auf die Carry Trades zu. Das sind lukrative Geschäfte, bei denen Investoren zu niedrigen Zinsen in Japan Yen aufnehmen und das Geld renditestark in Hochzinsländern wie den USA anlegen. Solche Geschäfte haben den Yen vom Herbst 2006 bis Juli um rund zehn Prozent gedrückt.

Eine Aufwertung der Währung wirkt in dieser Situation selbstverstärkend. Denn gerade die Angst vor einem steigenden Wert des japanischen Yens regt die internationale Großanleger zu weiteren Verkäufen an. Die Carry Trades gehen nur auf, wenn der Investor den ursprünglichen Yen-Kredit aus dem Ertrag seines Überseeinvestments locker zurückzahlen kann. Steigt der Yen zu stark, muss der Anleger entsprechend viel draufzahlen – ein Limit gibt es nicht. Wer nicht mehr bereit ist, das Risiko zu tragen, löst seine Dollar-Anlage auf, gibt den Yen-Kredit zurück und erneuert ablaufende Geschäfte nicht.

Eine weit reichende Rückabwicklung der Carry Trades könnte die Wirtschaft schmerzen. Hedge-Fonds müssten zusätzlich zu den Löchern, die das Subprime-Debakel – die US-Hypothekenkrise – gerissen hat, Verluste für ihre entwerteten Yen-Positionen ausweisen. Auch japanische Kleinanleger könnten viel Geld verlieren und die Lust aufs Einkaufen oder auf Aktienanlagen verlieren. Wenn der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt schon vor dem prognostizierten Ende des aktuellen Konjunkturzyklus in zwei Jahren die Puste ausgehen sollte, fehlt der Weltwirtschaft ein Wachstumstreiber.

Doch Experten geben vorerst Entwarnung. Denn es sind neben internationalen Fonds vor allem normale Japaner, die über vorgefertigte Produkte die Zinsdifferenz zum Rest der entwickelten Welt ausnutzen. Und Japans Kleinanleger scheren sich bisher überhaupt nicht um Subprime-Probleme. Die Geschäfte haben zwar zum Teil den Charakter eines Schneeballsystems, denn es ist das neu hineinfließende Geld, das die Rendite der vorhergehenden Geschäfte ermöglicht. Doch auch die Konsumenten in den Zielländern der Carry Trades wie Neuseeland oder die USA müssen mit hohen Preisen für japanische Importe für die Gewinne der Anleger bezahlen. „So lange die Zinsdifferenz Japans zum Ausland Investmentgewinne ermöglicht, besteht für den japanischen Normalbürger kein Grund, aus dem Karussell auszusteigen“, sagt Währungsstratege Masafumi Yamamoto von Nikko Citigroup.

Bisher hält sich die Aufwertung des Yens denn auch in Grenzen. „Sie entspricht Korrekturen, wie wir sie Mitte 2006 oder im Frühjahr 2007 gesehen haben“, sagt Toru Umemoto von Barclays Capital Tokio. Zudem werden die Zinsen in Japan vermutlich niedrig bleiben. Aus dem Volumen von Swap-Geschäften zur Absicherung gegen Zinsrisiken geht hervor, dass der Markt die Wahrscheinlichkeit einer Leitzinsanhebung bei der nächsten Zinssitzung am kommenden Donnerstag nur noch bei 19 Prozent sieht.

„Solange mit der Zinsdifferenz die Grundlage für die Carry Trades erhalten bleibt, werden sie weitergehen“, sagt Chef-Devisenstratege Koji Fukaya von der Deutschen Securities Tokio. Nach dem Ende der Subprime-Unsicherheiten werde sich der Yen-Kurs wieder auf niedrigerem Ninveau einpendeln. Bis dahin seien aber noch deutliche Schwankungen zu erwarten.

Finn-Robert Mayer-Kuckuk
Finn Mayer-Kuckuk
Handelsblatt / Korrespondent Peking
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