Hurrikanfolgen
Ölfirmen geben nach Gustav Entwarnung

Obwohl der Wirbelsturm Gustav nicht die zerstörerische Gewalt seines Vorgängers Katrina entwickelt hat, könnten sich allein die versicherten Schäden auf bis zu zehn Milliarden Dollar belaufen. Die Ölanlagen vor und an der Golfküste kamen offenbar mit relativ geringen Schäden davon – der Ölpreis sank am Dienstag weiter.

HOUSTON. Zwei US-Beratungsunternehmen trauten sich bereits am Montagabend (Ortszeit) eine erste Schadensaufnahme zu. Da hatte Gustav, der mit dem Auftreffen auf die Küste deutlich an Kraft verlor, New Orleans bereits hinter sich gelassen - und die dicht besiedelten Gebiete in der Region weitgehend verschont. Nach ersten Angaben verloren sieben Menschen ihr Leben. Katrina und die chaotischen Maßnahmen danach hatten dagegen bis zu 1 800 Todesopfer gefordert.

Allerdings blieb die Nacht über unklar, ob einige kleinere Deiche und Dämme in New Orleans halten würden, die unter starkem Druck standen. "Die schlimmste Flutwelle kann zum Ende des Sturms kommen“, warnte der Gouverneur von Louisiana, Bobby Jindal. Ebenfalls offen war, in welchem Ausmaß die Stromversorgung betroffen ist. Am Montag waren mehr als 900 000 Haushalte und Unternehmen in Louisiana und Mississippi ohne Strom.

Nach Jindals Angaben kann ein Fünftel der Öl- und Gasproduktion bis zum Wochenende wieder anlaufen. Die gesamte Ölproduktion und 95 Prozent der Gasförderung waren vorsichtshalber eingestellt, die Besatzungen der rund 4 000 Förderanlagen im Golf evakuiert worden. Jindal forderte die Regierung in Washington auf, Teile der nationalen Ölreserve freizugeben, um mögliche Engpässe bei den Ölkonzernen auszugleichen.

Der Ölmarkt hatte von Anfang an relativ gelassen reagiert, die Herabstufung des Hurrikans sorgte für weitere Entspannung. Zudem hatte die US-Regierung angekündigt, im Zweifelsfall die nationalen Ölreserven freizugeben. Bereits am Montag waren die Preise leicht gefallen, im Handel über Nacht in Asien gab er sogar noch weiter nach und ging in Singapur auf 111 Dollar je Barrel zurück, dem niedrigsten Preis seit mehr als vier Monaten. Im frühen europäischen Handel kostete ein Barrel (159 Liter) der US-Referenzsorte West Texas Intermediate (WTI) zur Auslieferung im Oktober 111,12 Dollar und damit 28 Cent weniger als zum Handelsschluss am Vortag. Der Preis für ein Barrel der Nordseesorte Brent sank um 29 Cent auf 109,70 Dollar. Nach Einschätzung von Marktbeobachtern befindet sich der ganze Markt auf einem starken Entspannungskurs, den Gustav nicht weiter beeinträchtigen konnte. Noch in der vergangenen Woche lag der WTI-Preis zeitweise über 120 Dollar. Seit seinem Höhepunkt von 147 Dollar im Juli ist der Preis je Barrel bereits um 24 Prozent gesunken.

„Die Preisreaktion zeigt, wie angeschlagen die Marktstimmung ist“, sagte Carsten Fritsch, Rohstoffanalyst der Commerzbank. Ohne „Gustav“ hätte es am Montag wohl einen noch stärkeren Rückgang des Ölpreises gegeben. Dennoch zeigten sich einige Analysten über die gelassene Reaktion der Ölmärkte überrascht. „Es ist absurd, dass die Preise nicht reagieren“, sagt Frank Schallenberger, Leiter des Rohstoff-Researchs der Landesbank Baden-Württemberg. „Der Markt unterschätzt die Entwicklung extrem“, warnte er, zumal sich vor Kuba bereits der nächste Hurrikan zusammenbraue.

Sollte die Öl-Produktion bedingt durch weitere herannahende Hurrikans allerdings über einen längeren Zeitraum ruhen, erwarten Analysten einen Preisschub, weil die Raffinerien in Louisiana einen Großteil der US-Südstaaten mit Benzin und Diesel versorgen. Betroffen sind Anlagen von Exxon Mobil und Shell sowie das größte Raffinerie-Unternehmen in Nordamerika, Valero Energy. Die Sorge der Energiebranche gilt auch dem großen Ölhafen vor der Küste von Louisiana, der zehn Prozent aller US-Ölimporte abwickelt.

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