Intervention
Schweizer Notenbank bekämpft Franken-Stärke mit Zinssenkung

Die monatelange Aufwertung des Franken hat die Schweizer Notenbank auf den Plan gerufen. Zinssenkungen und Liquiditätsspritzen sollen die heimische Wirtschaft schützen. Experten zweifeln allerdings am Erfolg.
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DüsseldorfDie Schweizerische Nationalbank (SNB) stemmt sich mit einer überraschenden Zinssenkung gegen die massive Verteuerung des Frankens gegenüber Euro und Dollar. Die deutlich überbewertete Währung bedroht nach Ansicht der Notenbank die Wirtschaftsentwicklung und die Preisstabilität des Landes. Der Schweizer Franken wird für die von den Schuldenkrisen beidseits des Atlantiks verunsicherten Anleger immer mehr zur Fluchtwährung.

Die SNB strebt daher ab sofort einen Dreimonats-Libor so nahe bei null wie möglich an und verengt das Zielband für ihren Referenzsatz auf null bis 0,25 Prozent, wie sie am Mittwoch mitteilte. Seit der Finanzkrise galt eine Bandbreite von null bis 0,75 Prozent und die SNB strebte zuletzt einen Dreimonats-Libor von 0,25 Prozent an.

In den ersten Reaktionen ging das Kalkül der Notenbank auf und der Franken gab am Devisenmarkt nach. Der Euro, die wichtigste Partnerwährung für die exportabhängige Schweizer Industrie, zog nach der Zinsentscheidung kräftig auf Kurse um 1,11 Franken an. Am Morgen war er auf ein Rekordtief knapp unter 1,08 Franken abgesackt. Der Dollar gewann ebenfalls markant und war zuletzt für gut 0,77 Franken zu haben. Ende 2010 mussten für die Gemeinschaftswährung 1,25 Franken bezahlt werden und der Greenback hatte 0,94 Franken gekostet.

Ökonomen stellten allerdings infrage, ob die SNB auf längere Sicht Erfolg haben kann. „Diese Maßnahmen werden die Aufwertung bestenfalls verlangsamen. Es fließt echtes Geld in den Franken, das sind nicht nur spekulative Ströme“, sagte Neil Mellor, Währungsstratege bei der Bank of New York Mellon.

In der Schweiz hatten Industrie, Einzelhandel und Gewerkschaften zuletzt immer lauter ein Eingreifen von Politik und SNB gefordert, da die Talfahrt des Euro auf die Gewinnmargen der Firmen drückt und die Konsumenten zum Einkauf ins nahe EU-Ausland treibt. Swatch-Chef Nick Hayek, einer der vehementesten Warner vor den Risiken des starken Frankens, begrüßte den SNB-Schritt: „Das ist wunderbar. Die Spekulanten sollen sich zusammenreißen“, sagte er Reuters.

Die Notenbank will als weitere Maßnahme die Liquidität am Franken-Geldmarkt in den nächsten Tage massiv erhöhen: Sie beabsichtigt, die Giroguthaben der Banken bei der SNB auf 80 Milliarden von derzeit rund 30 Milliarden Franken zu erhöhen, indem sie auslaufende Repos und SNB Bills nicht mehr erneuert und ausstehende SNB Bills zurückkauft.

Experten halten es auch für möglich, dass die SNB bei einer fortgesetzten Frankenaufwertung wieder am Devisenmarkt eingreift. „Devisenmarktinterventionen sind nun wieder eine potenzielle Drohung“, sagte Adrian Schmidt von Lloyds Banking Group. Die SNB hat angekündigt, die Entwicklung sehr aufmerksam zu verfolgen und bei Bedarf weitere Maßnahmen zu ergreifen. „Die Frage ist auch, ob die SNB dieser verbalen Aktion auch eine Intervention am Devisenmarkt folgen lässt“, sagte ein Geldmarkthändler.

Die Notenbank hat sich mit früheren Interventionen ein blaues Auge geholt. Sie hatte im Vorjahr mit Milliardenbeträgen gegen die Talfahrt des Euros interveniert und deswegen einen Jahresverlust von gut 19 Milliarden Franken eingefahren. Ihre letztlich erfolglosen Bemühungen hatten der Notenbank - allen voran ihrem Präsident Philipp Hildebrand - herbe Kritik von politischer Seite eingebracht. Für Bund und Kantone steht viel Geld auf dem Spiel - die SNB räumt der Stärkung ihrer Bilanz Vorrang vor der Ausschüttung möglicher Gewinne ein.

Ralf Drescher
Ralf Drescher
Handelsblatt.com / Teamleiter Finanzen (bis 29.2.2012)

Kommentare zu " Intervention: Schweizer Notenbank bekämpft Franken-Stärke mit Zinssenkung"

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  • An Moika:

    1982 hatten wir in Westdeutschland eine Offizielle Arbeitslosigkeit von circa 2 Millionen Arbeitslosen (57 Millionen Deutsche und circa 2,8 Millionen Gastarbeitern)

    Wir hatten seit 1974 einen Anwerbestopp und erlebten durch die weitere Duldung der Gastarbeiter eine strukturelle Arbeitslosigkeit.

    Erst durch den Regierungswechsel 1982 wurden erste Schritte für die Rückführung der Gastarbeiter ergriffen und zu früh wieder eingestellt.

    Der Bundeshaushalt wuchs leider schneller als die Steuereinahmen und die Verschuldung nahm zu. Dabei konnte man in den 70er Jahren schon erkennen daß die Entscheidungen aus den 60er (Anwerbung von Gastarbeitern) und der Geburtenrückgang in Zukunft ein Problem darstellen wird. Der Sozialstaat entwickelte sich zu den heute bekannten „Sozialamt der Welt“ und ihre Fehlanreize für uns und unseren „Gästen“.

    Die Aufgaben wurden vertagt!

    Bis zum heutigen Tage!

  • An Moika
    Ihre Aussagen sind natürlich treffend, ich wollte aber in diesen Punkt hinweisen das durch die Währungspolitik der damaligen größten Volkswirtschaft, kleinere Volkswirtschaften (4 größte Volkswirtschaft, Exportorientiert) das Wirtschaftswachstum sich deutlich eintrübte und damit den Handlungsspielraum der Regierung auf Null sich reduzierte.

    Das erschwerte das Regieren und war einer der Gründe für das Scheitern dieser Regierung.

    Wir sehen heute eine Politik des „billigen Geldes“ in der Folge erhöhen sich die Rohstoffpreise und die Lebensmittelpreise das führte zu den bekannten „Revolutionen“ im Arabischen Raum (ein Grund) und die Unfähigkeit der Regierungen für die Ärmsten der Armen die Grundversorgung sicher zu stellen.

  • Als DM-Land könnten wir das auch. Doch an unserem Wesen soll die ganze Welt genesen!

    http://www.bps-niedenstein.de/content/view/51/59/

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