Interview
„2010 wird ein Jahr der Rohstoffe“

Der Goldpreis kennt kein Halten und klettert in Richtung 1100 Dollar. Doch schon bald dürften Investoren statt Edelmetallen andere Rohstoffe kaufen, erwartet Tobias Merath, Leiter des Rohstoff-Researchs der Credit Suisse. Im Gespräch mit dem Handelsblatt erklärt er, wieso Gold an seine Grenzen stößt und auf welche Rohstoffe Anleger stattdessen schauen sollten.
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Herr Merath, der Goldpreis eilt von Rekord zu Rekord, obwohl das Bedürfnis der Anleger nach Sicherheit zurzeit gar nicht stark ausgeprägt zu sein scheint. Wie erklären Sie sich diese Entwicklung?

Während der Krise war Gold der sichere Hafen. Obendrein hängt Gold relativ stark vom Dollar und vom Zinszyklus ab. Bei hohen Zinsen ist Gold vergleichsweise unattraktiv, da es keine laufenden Erträge abwirft. In einer Niedrigzinsphase wie aktuell lohnt sich eine Anlage in Gold hingegen - und zwar vor allem dann, wenn die Inflationsraten bzw. die Inflationserwartungen steigen, die Realzinsen also sinken. Diese drei Faktoren: Dollar, Zinsen und Inflation stützen den Goldpreis aktuell und dürften kurzfristig auch für noch höhere Kurse sorgen.

Welche Kurse sind denn noch möglich?

Argumentiert man aus Sicht der Charttechnik, hat sich das Bild in den vergangenen Wochen stark aufgehellt. Von dieser Seite aus steht einem Goldpreis von 1200 Dollar eigentlich nichts im Wege. Fundamental sieht das Bild schon anders aus, da muss man bei einem Preis oberhalb von 1100 Dollar durchaus hinterfragen, ob solch ein Niveau nachhaltig sein kann.

Was spricht dagegen?

Zum einen teile ich die Einschätzung vieler Marktteilnehmer nicht, dass die Inflation längerfristig deutlich anziehen wird. Dagegen sprechen die nach wie vor sehr hohen Überkapazitäten in der Weltwirtschaft, die nur schrittweise abgebaut werden dürften. Wir gehen zudem davon aus, dass die Zentralbanken 2010 weltweit auf einen Zinserhöhungszyklus umschwenken. Damit wird das Umfeld für Edelmetalle - die Preise für Silber, Platin und Palladium sind ja noch stärker gestiegen als der Goldpreis - schwieriger, zumal sich das Interesse der Investoren im Aufschwung in andere Rohstoffsektoren verlagern dürfte.

Sie teilen den Konjunkturoptimismus, der aktuell an den Märkten gespielt wird?

Ja, unsere Ökonomen gehen für das kommende Jahr von einem sehr konstruktiven Szenario aus, insbesondere für Emerging Markets. Wir befinden uns mitten in einem Rebound, der sich im kommenden Jahr fortsetzen dürfte. Damit wird 2010 auch ein Jahr der Rohstoffe. Allerdings werden nicht alle Rohstoffe gleich profitieren, sondern vor allem jene, die von der physischen Nachfrage aus der Industrie abhängen, also die Basismetalle und Energieträger wie Öl. Diese laufen in der Frühphase einer Erholung üblicherweise am besten, da wird der laufende Zyklus keine Ausnahme machen.

Im Sommer, als von Aufschwung noch keine Rede war, sind die Preise von Metallen und Öl allerdings schon kräftig gestiegen. Wie passt das in Ihr Szenario?

Das hat uns in der Tat zunächst sehr überrascht, weil diese Entwicklung untypisch war. Die Erklärung war allerdings schnell gefunden. Die Chinesen haben die Krise bis vor ein oder zwei Monaten taktisch klug genutzt, um ihre Lager zu günstigen Preisen aufzufüllen und strategische Rohstoffreserven aufzubauen. An den Metallmärkten, wo China zum Teil größter Produzent und Importeur zugleich ist, hatte das natürlich einen gewaltigen Effekt und auch am Ölmarkt stiegen die Preise, obwohl der Zyklus eigentlich noch gar nicht weit genug war.

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