Interview mit Eugen Weinberg
„Die Rohstoffpreise werden deutlich fallen“

Die Stimmung am Rohstoffmarkt hat sich aufgehellt. Nach Meinung von Eugen Weinberg, Leiter der Rohstoff-Analyse der Commerzbank, ist die neue Zuversicht aber verfrüht. Im Gespräch mit dem Handelsblatt erklärt er, wer die Profiteure der Preiserholung sind, warum die Rohstoffmärkte am Tropf von China hängen und wieso Gold als Investment für Renditejäger nicht taugt.

Herr Weinberg, die Rohstoffpreise sind in den vergangenen Wochen kräftig gestiegen. Was steckt hinter der Aufwärtsbewegung?

Ich würde die Entwicklung in zwei Phasen unterteilen. Zunächst haben wir eine Normalisierung an den Rohstoffmärkten gesehen. In vielen Bereichen waren die Preise weit unter den fairen Wert gesunken, der sich aus Angebot und Nachfrage ergibt. Grund war ein zu pessimistisches Konjunkturszenario der Investoren, die von einer weltweiten Depression ausgingen. Diese Übertreibung wurde korrigiert. In den vergangenen zwei Monaten hat sich das Bild aber komplett gedreht und die Stimmung ist in deutlichen Optimismus umgeschlagen. Inzwischen rechnen viele Marktteilnehmer damit, dass die Weltwirtschaft bereits im dritten Quartal anzieht und mit ihr die Rohstoffnachfrage. Das treibt die Kurse immens.

Teilen Sie diesen Optimismus?

Nein. Ich sehe noch keine Hinweise darauf, dass die Konjunktur und mit ihr die Rohstoffnachfrage anzieht. Eher sehe ich Gefahren, dass die gestiegenen Rohstoffpreise die Erholung bremsen. Man darf sich meines Erachtens nicht blenden lassen und muss vor allem auf die richtigen Indikatoren schauen. Viele Volkswirte begründen ihren Optimismus zurzeit mit dem kräftigen Anstieg im Baltic Dry Index, der die Entwicklung der Frachtraten widerspiegelt. Für mich ist das aber kein guter Maßstab. Ich orientiere mich stattdessen an den Containerraten. Diese zeigen an, wie sich die Nachfrage nach realen Gütern entwickelt. Und hier ist nach wie vor keine Entspannung zu sehen. Im Gegenteil: Die Containerraten sind weiter rückläufig.

Aber worauf ist dann der drastische Anstieg des Baltic Dry Index von unter 1 000 auf knapp 4 000 Punkte zurückzuführen?

Klar ist, dass der Anstieg mit der Rohstoffnachfrage aus China zusammenhängt. Bei der exakten Interpretation muss man aber stark aufpassen: Viele deuten den Baltic Dry Index so, dass eine starke Rohstoffnachfrage aus China zu erwarten ist. In Wahrheit zeigt er aber an, dass die Chinesen in den vergangenen Monaten bereits stark am Rohstoffmarkt aktiv waren und die Frachtraten gestiegen sind, weil die eingekauften Rohstoffe nach China verschifft wurden.

Ist eine hohe Nachfrage aus China nicht positiv für die Rohstoffmärkte?

Grundsätzlich natürlich schon. Und die starke Aktivität der Chinesen in den vergangenen Monaten war auch ein entscheidender Treiber der jüngsten Kursrally - insbesondere bei Öl und bei den Industriemetallen. Aktuell haben jedoch zu viele zahlreiche Marktteilnehmer übertriebene Erwartungen an die chinesische Nachfrage. Die meisten erwarten, dass die Eindeckungskäufe, mit denen die Chinesen ihre Lager aufgefüllt haben, anhalten werden. Meine Sicht ist eine andere. Ich rechne mit einem deutlichen Abflauen der Nachfrage aus China und mit massiven Kurskorrekturen bei vielen Rohstoffen.

Wieso?

Die Chinesen sind sehr klug vorgegangen und haben frühzeitig an den Rohstoffmärkten zugekauft, als dort keine anderen Investoren aktiv waren. Sie konnten dadurch zu sehr günstigen Preisen einkaufen und haben dies reichlich getan. Inzwischen haben sie ihre Ziele für die Lagerhaltung erreicht. Beim Öl etwa haben sie die Reserven auf 100 Millionen Barrel gesteigert. Und bei den Metallen sieht es ähnlich aus. Damit sind die Chinesen in einer äußerst komfortablen Situation. Dass sie die trotzdem weiter zukaufen, halte ich für unwahrscheinlich.

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