Investoren scheuen die geringen Renditen in Japan – Analysten erwarten aber eine Trendwende im kommenden Jahr
Niedrige Zinsen drücken den Yen-Kurs

Die Kursschwäche des japanischen Yens wird nach Analysteneinschätzung bis zum Jahresende anhalten. Allerdings dürfte die Währung auf Grund der anziehenden Konjunktur im nächsten Jahr deutlich aufwerten.

Hb TOKIO/DÜSSELDORF.Anfang September geriet die asiatische Leitwährung unter massiven Abwärtsdruck und notierte gestern mit 116,22 Yen auf einem Zweijahrestief zum US-Dollar. Viele Experten erwarten für die nächsten Monate eine weitere Schwächung; Zielmarken von 118 oder 120 Yen pro Dollar sind keine Seltenheit. Die Trendwende zu einem stärkeren Yen sehen Währungsstrategen übereinstimmend erst 2006 – einige bereits zu Jahresbeginn, andere erst im Herbst. Auch darüber, wie stark der Yen dann steigen könnte, gehen die Prognosen weit auseinander: Von dem aktuellen Kurs bei 115/116 Yen reichen die Schätzungen bis zu einer massiven Stärkung auf 95 Yen zum Dollar – das wären gut 15 Prozent über dem jetzigen Stand.

Diese unterschiedlichen Schätzungen spiegeln die aktuelle Unsicherheit an den Devisenmärkten wider. Allerdings lagen die Strategen mit ihren Yen-Prognosen vom Sommer gründlich daneben, hatten sie doch im Zuge der Aufwertung des chinesischen Yuans und hoher ausländischer Investitionen in japanische Aktien einen steigenden Yen erwartet. Das Gegenteil trat ein.

Ein wichtiger Grund für die Schwäche des Yens zum Dollar sind die steigenden Zinsen in den USA. Die daraus folgende „Ausweitung des Zinsabstands“ drücke den Yen, sagte Jens Eisenschmidt, Analyst bei HSBC Trinkaus & Burkhardt. Denn trotz der fundamentalen Erholung der japanischen Wirtschaft zögen die höheren US-Zinsen Anlagegeld in die USA. Mit den einsetzenden Zinsspekulationen in der Euro-Zone hat der Yen aus ähnlichen Gründen sich zuletzt auch zum Euro auf gut 140 Yen abgeschwächt. „Ausländer sind immer noch die treibende Kraft für die Yen-Entwicklung“, kommentierte auch Stephen Jen, Leiter des Devisenresearchs bei Morgan Stanley, die Yen-Schwäche. Der Zinsausblick spreche in den Augen vieler Marktteilnehmer für einen stärkeren Dollar, was ausländische Investoren zu Verkäufen veranlasst habe.

Währungsstratege Satoru Ogasawara von Credit Suisse First Boston in Tokio blickt stärker auf die inländischen Investoren. Privatanleger seien im Zuge der sich erholenden Wirtschaft risikofreudiger geworden und suchten Anlagen mit höheren Renditen im Ausland. Der Regierung ist die schwächere Währung bisher noch hoch willkommen. Zum einen erhöht sie die Gewinne der exportorientierten Unternehmen, die größtenteils mit einem Kurs von 105 Yen zum Dollar gerechnet haben. Zudem hilft ein schwacher Yen über höhere Importpreise im Kampf gegen Deflation, also den allgemeinen Preisverfall.

Da sich der Zinsabstand angesichts der anhaltenden Nullzinspolitik in Japan und weiterer Zinserhöhungen in den USA laut Ogasawara noch ausweiten dürfte, rechnet er auf Sicht von sechs Monaten damit, dass der Dollar bis auf 120 Yen ansteigt. Im zweiten Halbjahr 2006 hingegen dürften ein Ende der Zinserhöhungen in den USA und wachsende Spekulationen auf erste Zinserhöhungen in Japan den Yen wieder auf das Niveau von 115 pro Dollar heben. Ähnlich sieht es Morgan-Stanley-Stratege Jen, der den Dollar im September 2006 gar bei 120 Yen sieht. Erst Ende 2006 werde sich der Kurs wieder auf 115 Yen abschwächen.

Weitaus optimistischer für Japans Währung sind die Analysten bei Lehman Brothers. Schon zum Jahresende sehen sie den Dollar auf 112 Yen nachgeben. 2006 rechnen sie dann mit einer massiven Umkehr und prognostizieren, dass der Yen zum Dollar bis Ende 2006 um 15 Prozent zulegt. Trinkaus-Experte Eisenschmidt stimmt damit überein. Er rechnet nach 110 Yen zum Jahresschluss damit, dass der Dollar Ende kommenden Jahres nur noch bei 96 Yen liegen wird. Das Wirtschaftswachstum in den USA stehe auf wackeligen Füßen. In Japan gebe es dagegen gute Gründe für die Annahme, dass die wirtschaftliche Erholung nachhaltig sei.

Nicole Bastian
Nicole Bastian
Handelsblatt / Ressortleiterin Ausland
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