Joachim Berlenbach im Interview
„Es könnte zur Kostenexplosion kommen“

Steigende Kosten und enorme Abschreibungen: Die Bergbau-Branche steht mit dem Rücken zur Wand, meint Rohstoff-Experte Joachim Berlenbach. Die Konzerne kappen die Kosten - das treibe langfristig die Grundgüterpreise.
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Große Bergbaukonzerne erschütterten Anleger zuletzt mit Hiobsbotschaften: Viele melden Gewinneinbrüche, manche fahren erstmals seit Jahren sogar Verluste ein. Wie beurteilen Sie die Lage?
Joachim Berlenbach: Die Bergbaubranche steckt in einer ziemlich tragischen Situation, schlimmer noch als im Jahr 2008. Gerade für die kleineren Minenbetreiber und Explorer-Gesellschaften ist die Lage schlecht. Geldgeber zögern oder ziehen sich gar zurück. Die großen Konzerne kürzen zusätzlich radikal die Kosten und streichen Projekte zusammen. Übernahmen werden wohl seltener werden. Viele werden diese Krise nicht überstehen. Ich besuchte vor wenigen Tagen zwei wichtige Branchenkonferenzen in Südafrika: Dort herrschte eine äußerst gedrückte Stimmung.

Wieso?
Im Jahr 2009 kam eine regelrechte Euphorie in der Rohstoffbranche auf. Der wirtschaftliche Aufstieg der Schwellenländer trieb den Bedarf an Grundgütern - und zugleich die Preise. Die großen Konzerne übernahmen in erheblichem Maße kleinere Firmen und kauften Minen zu. Dabei betraten die Unternehmen oftmals Neuland. So stieg etwa Barrick Gold bei einer Kupfermine in Sambia ein. Barrick förderte zuvor meist in Nordamerika. In der afrikanischen Wildnis hingegen fehlt die Infrastruktur wie Straßen und Stromleitungen. Der Bau von Kraftwerken und Transportwegen treibt aber die Kosten in die Höhe. Viele Projekte wurden teurer als erwartet.

Haben sich die Unternehmen damit übernommen?
Nein. Denn was bezweckten die Konzerne mit den Zukäufen? Es ging ihnen darum, die Produktion hoch zu halten. Dies war nicht allein eine Expansionsstrategie. Die Rohstoffbranche funktioniert anders als andere Industrien. Die Ressourcen wie Gold, Kupfer, Platin oder Öl sind endlich und die Gehalte in den Lagerstätten fallen schnell. Ein Unternehmen muss neue Lagerstätten finden, wenn die alten abgebaut sind. Sonst sinkt der Marktwert einer Firma.

Nun sinkt jedoch der Börsenwert, weil so hohe Abschreibungen anfallen.
Die Rohstoffkonzerne kommen aber nicht um Investitionen und Exploration herum. Eigentlich ist es einfach. Stellen Sie es sich so vor: In einer Mine lagern zehn Millionen Feinunzen Gold. Wenn ich jedes Jahr eine Million Unzen fördere, ist die Grube nach zehn Jahren erschöpft. Damit ich weiter Gold fördern kann, muss ich neue Vorkommen mit generell niedrigeren Goldgehalten suchen und erschließen. Das kostet eben Geld. Nur verstehen das leider viele Investoren nicht.

Zuletzt tauschten gleich drei der weltgrößten Rohstoffkonzerne, Anglo American, Rio Tinto und BHP Billiton, nach Meldungen über hohe Abschreibungen und Gewinneinbrüche ihre Vorstandschefs aus. Sind die Kostenexplosion und die Verluste ein Versagen der Führungsspitze?
Nicht unbedingt. Unter einem anderen Management wird sich nichts grundlegend ändern. Die Neuen stehen genauso unter dem Druck der Investoren. Die Unternehmen versuchen jetzt, die Kosten radikal zu senken und Investitionen abzuschreiben. In den kommenden Quartalen werden die Bilanzen vielleicht etwas besser ausfallen. Danach geht es aber wieder bergab, denn die Produktion sinkt. Die Investitionen in die dringend benötigte Exploration und den Bau neuer Minen zum Ersatz der bereits geförderten Mengen wird fehlen. Zusätzlich besteht die Gefahr des „High Grading“.

Was ist das?
Die Minen bauen die hochgradigen Teile einer Lagerstätte ab, um Kosten zu sparen. Längerfristig senkt dies jedoch den durchschnittlichen Goldgehalt in der Lagerstätte und treibt damit die Kosten nach oben. Das habe ich alles schon einmal erlebt: Ende der 1990er-Jahren betrieben die Goldminen in Südafrika ebenfalls High Grading, um Kosten zu senken. Dies trägt zum aktuellen Niedergang der südafrikanischen Bergbauindustrie bei.

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  • Rohstoffe gewinnen ist eine Energiefrage. Je höher konzentriert der Rohstoff vorliegt im Gestein, desto weniger Energie braucht man für dessen Gewinnung. Die Konzentrationen gehen aber immer weiter zurück.

    Mich wundert daher, warum noch kein Bergbauunternehmen die Energieversorgung als eine fundamentale Komponente erkannt hat und den Geschäftsbereich dahin gehend erweitert?

  • Beim Kupfer ist das so eine Sache. Kupfer ist genug da, nur wird es zusehends von Glasfaser und anderen erforschten Ersatzstoffen ersetzt. So ist das halt mit dem menschlichen Geist/Wissen!
    Oel kann mittlerweile auch schon synthetisch hergestellt werden. Und wenn die Zeit dazu Reif ist Erdoel durch einen von menschenwissenden Ersatzstoff ersetzt werden kann und dies zu wirtschafltichen guten Bedingungen, dann wird es der Markt uns zeigen!

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