Kartell berät in Wien über Förderquoten
Opec drückt den Ölpreis

Die Rohölpreise sind am Dienstag unter die für Händler wichtige Marke von 100 Dollar gefallen: Erstmals seit Anfang April wurde das europäische Brentöl zur sofortigen Lieferung (Spotmarkt) knapp unterhalb dieser Marke je Barrel (159 Liter) gehandelt. Nach dem Rutsch erwarten Experten, dass die Preise zunächst noch stärker unter Druck geraten, mittelfristig rechnen sie aber wieder mit höheren Preisen.

LONDON/DÜSSELDORF. Zu der Entspannung am Ölmarkt tragen mehrere Faktoren bei. So verdichten sich die Hinweise, dass die Organisation der Erdöl exportierenden Staaten (Opec) ihre Förderung unverändert lassen wird. Zum anderen wird an den Märkten die Bedrohung der Ölproduktionsanlagen in den USA durch Hurrikan „Ike“ inzwischen geringer eingeschätzt.

Am Dienstag galt der Blick der Marktteilnehmer vor allem der Opec. Das Ölkartell hat bis in den späten Abend hinein über seine Förderquoten beraten. Bereits im Vorfeld hatte allerdings der saudische Ölminister Ali al-Naimi gesagt: „Der Markt ist im Gleichgewicht“, und „wir haben seit dem Treffen im Juni hart daran gearbeitet, die Preise auf den heutigen Stand zu bringen.“ Er signalisierte damit, dass die Opec ihre Förderung wohl nicht drosseln wird. Saudi-Arabien ist der größte Ölproduzent der Welt, entsprechend stark werden die Äußerungen al-Naimis gewichtet. Auch der algerische Opec-Präsident Chakib Khelil sprach sich gegen eine Produktionskürzung aus. „Die Opec will abwarten, wie der Preis reagiert“, sagt Eugen Weinberg, Rohstoffexperte der Commerzbank. Angesichts des jüngsten Preisrückgangs rechnet er mit unveränderten Förderquoten, doch könnte Saudi-Arabien bald eine Kürzung seiner aktuellen Überproduktion andeuten.

Die Opec steht vor einem Dilemma: Senkt sie die Produktion, riskiert sie eine tiefere Weltwirtschaftskrise mit sinkender Ölnachfrage. Lässt sie die Mengen unverändert, drohen ihr sinkende Einnahmen durch den Ölpreisverfall. Dave Ernsberger, Direktor des Ölinformationsdienstes Platt’s, rechnet mit einer Produktionskürzung im Dezember. Bis dahin werde sich das Kartell zurückhalten: „Sie wollen ja nicht die Gans schlachten, die goldene Eier legt.“

Rohöl hat sich in diesem Jahr massiv verteuert. Erstmals durchbrach der Ölpreis gleich in den ersten Handelstagen des Jahres die Marke von 100 Dollar nach oben. In der Spitze notierte die US-Richtmarke WTI Anfang Juli bei 147 Dollar und das europäische Brentöl über 145 Dollar. Seitdem haben die Preise kontinuierlich nachgegeben. Doch dieser Preisrückgang sorgt einige Mitglieder des Ölkartells. Der iranische Ölminister Gholamhossein Nosari hatte im Vorfeld der Opec-Tagung gesagt, 100 Dollar je Barrel seien der niedrigste noch akzeptable Preis.

„Über kurz oder lang werden die Produzenten auf diesen Preis reagieren“, glaubt Jochen Hitzfeld, Rohstoffexperte bei Unicredit, der ebenfalls keine Änderung der Opec-Quoten erwartet. Den jüngsten Preisrückgang wertet er als „eine Begradigung der Preisentwicklung“ nach den zuvor gesehenen heftigen Preissteigerungen.

Kurzfristig könnten die Notierungen bis auf 90 Dollar fallen, für 2009 prognostiziert Unicredit aber unverändert einen durchschnittlichen Preis von 125 Dollar je Barrel. Zwar werde die Nachfrage weniger stark als bisher wachsen, doch insgesamt werde die Ölnachfrage nicht zurückgehen, begründet Hitzfeld seine Prognose. Zudem gebe es kaum Potenzial für zusätzliches Angebot.

Auch Paul Horsnell, Ölanalyst bei Barclays Capital, rechnet nicht damit, dass der Ölpreis viel weiter fallen wird. Der Rückgang von dem im Juli erreichten Höchststand sei zur Hälfte die Korrektur von Übertreibungen und zur anderen Hälfte Ausdruck einer pessimistischeren Einschätzung der weltwirtschaftlichen Rahmenbedingungen.

„Am Verhältnis von Angebot zu Nachfrage auf dem Weltölmarkt hat sich eigentlich in den vergangenen drei Monaten nichts geändert“, sagte er. Wenn der Ölpreis unter 100 Dollar falle, habe das außer psychologischen Effekten keine Auswirkungen. Horsnell sieht den Preis zum Jahresende über 110 oder sogar 120 Dollar. Richtung 150 Dollar werde es aber bis dahin nicht wieder gehen.

Deutlich pessimistischer ist Commerzbank-Experte Weinberg. „Der Fokus des Marktes ist auf die schwache Nachfrage gerichtet“ und damit auf die wirtschaftliche Abschwächung weltweit. Innerhalb der nächsten drei bis sechs Monate hält er einen Preisrutsch auf „weit unter 100 Dollar“ für möglich, selbst ein Test der Marke von 80 Dollar sei denkbar.

„Der Markt ist von einem Extrem in das andere gefallen“, sagt Weinberg. Alle Faktoren, die für Preissteigerungen sprechen, würden nun einfach ausgeblendet. Sein Blick gilt darüber hinaus der wieder stärkeren US-Währung: „Solange der US-Dollar seinen Höhenflug weiter fortsetzt, bestehen bei Öl trotz allem Abwärtsrisiken.“ Dies gelte besonders für den Fall, dass die Opec keine Produktionskürzung in Aussicht stellt.

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