Kartellamt sieht keine Handhabe gegen Ölkonzerne
Neue Rekorde für Benzin in Sicht

Die Rekordpreise am Rohölmarkt werden sich nach Einschätzung von Experten direkt auf die Tankkosten der Bundesbürger auswirken. „Wir werden die 1,50 Euro für einen Liter Superbenzin noch schneller sehen als erwartet“, sagt Claudia Kemfert, die Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr, und Umwelt des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung. Derzeit schütze noch der starke Euro und eine gewisse Vorsicht der Mineralölkonzerne bei Preiserhöhungen vor neuen Rekorden beim Benzin. Alle Vorzeichen für die Autofahrer seien jedoch negativ.

DÜSSELDORF. „Der Beginn der Hurrikansaison in den USA wird sicher keine Entspannung am Markt bringen“, sagt eine Sprecherin des Mineralölwirtschaftsverbandes. Der Mangel an Raffineriekapazität in den USA führe dazu, dass die Amerikaner im großen Stil in Europa einkaufen und deshalb auch hier die Preise steigen.

Der Vorwurf der Preistreiberei ist nach Meinung der Ölkonzerne aber unangebracht. „So etwas gibt es in Deutschland nicht, der Wettbewerb ist hier härter, und die Margen sind auch wegen der hohen Steuern niedriger als sonst in Europa“, sagt die Sprecherin.

Erst in der vergangenen Woche hatte der Vizevorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion, Ludwig Stiegler, gesagt, seine Partei beobachte die Preissteigerungen an den Tankstellen mit zunehmendem Grimm. Dies habe nichts mit den Rohstoffpreisen zu tun, sondern mit der starken Marktstellung der Ölkonzerne. Die Benzinpreise seien ein Fall fürs Kartellamt.

Die Wettbewerbshüter allerdings sehen keinen Anlass zum Handeln. Er könne den Ärger der Tankkunden zwar verstehen, sagt ein Sprecher des Bundeskartellamtes. Der deutsche Benzinmarkt sei aber ausgesprochen transparent und es gebe keine Beweise für Preisabsprachen oder Kartelle. Die Preise an den Tankstellen bildeten sich schlicht nach Angebot und Nachfrage.

Experten sehen daher das Problem nicht national, sondern international und branchenbedingt. Die Bauzeit für eine Raffinerie beträgt bis zu fünfzehn Jahre. Anfang der 90er-Jahre aber waren die Ölpreise auf weniger als 20 Dollar pro Fass gesunken, und die Kosten für neue Anlagen waren betriebswirtschaftlich nicht zu rechtfertigen. Der extreme Anstieg des Ölpreises geschah erst in den vergangenen drei Jahren. Mittelfristig erwarten Analysten eher einen Preis von 50 Dollar je Barrel – zu den Bedingungen rechne sich der Bau einer Milliarden teuren Raffinerie nicht.

Sönke Iwersen
Sönke Iwersen
Handelsblatt / Leiter Investigative Recherche
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