Libyen liefert wieder
Rebellensieg lässt Ölpreis fallen

Lange hielt sich der Ölpreis auf hohem Niveau, jetzt bröckeln die Notierungen. Das nahende Ende des Libyen-Konflikts könnte das Zünglein an der Waage sein, das den Ölpreis abrutschen lässt.
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DüsseldorfSelten zeigen die Vorzeichen am Markt so deutlich in eine Richtung wie aktuell beim Ölpreis: Es kann nur abwärts gehen. Die Frage ist nur, wann der Kursrutsch einsetzt. „Fundamental gesehen sollte der Ölpreis schon seit Wochen fallen, aber er tut es nicht“, sagt Eugen Weinberg, Leiter der Rohstoffanalyse bei der Commerzbank. 

Der Anfang des Abwärtstrends könnte der heutige Tag sein: Die Nordsee-Sorte Brent verbilligte sich um bis zu 3,2 Prozent auf 105,15 Dollar je Fass. Der Preis für US-Öl WTI sank in der Spitze um 1,4 Prozent auf 81,13 Dollar, erholte sich bis zum Mittag aber wieder.

Grund dafür sind zwei Faktoren, einfach ausgedrückt: Die Produktion steigt, die Nachfrage sinkt. Der Bedarf schwindet, seit es auf beiden Seiten des Atlantiks konjunkturell trüb aussieht. Die Amerikaner müssen sich vor einer Rezession fürchten. Die Europäer ringen mit dem Monster Staatsschulden, dem wie der griechischen Hydra zwei neue Köpfe wachsen, wo man gerade einen abgeschlagen hat. Für den Ölpreis ist das schlecht: Wenn die Wirtschaft schwächelt, kaufen Industrie und Verbraucher weniger Öl.

Verstärkt wird der Abwärtsdruck durch die Wende im Machtkampf in Libyen. Vor den Aufständen gegen Machthaber Muammar al-Gaddafi produzierte das Land im Februar rund 1,49 Millionen Barrel Öl am Tag; 85 Prozent davon wurden nach Europa exportiert. Laut der Nachrichtenagentur Bloomberg war die Produktion im Juli auf weniger als zehn Prozent der Fördermenge vor dem Aufstand gesunken. Doch die libyschen Rebellen kontrollieren allem Anschein nach schon den größten Teil der Hauptstadt Tripolis, ein Ende des Konflikts ist greifbar.

Das libysche Öl könnte schon bald wieder in Europa ankommen. „Nach Ende des Irakkriegs hat sich die Produktion schnell erholt, an den libyschen Förderanlagen dürften die Schäden sogar geringer sein, als es dort der Fall war“, sagt Analyst Weinberg. „Bis Jahresende könnte schon wieder der normale Betrieb laufen.“ Spekulanten wetten schon jetzt auf die Wiederaufnahme der libyschen Ölexporte, daher auch der heutige Abschlag beim Ölpreis.

Ein Szenario könnte die erwartete Abwärtsbewegung am Ölmarkt allerdings konterkarieren – wenn sich die amerikanische Federal Reserve Bank entscheidet, zum dritten Mal Geld in den Markt zu pumpen. Bei den vergangenen beiden Runden des „Quantitative Easing“ stieg der Ölpreis jeweils um etwa 20 US-Dollar, so Commerzbank-Analyst Eugen Weinberg.

Bis Ende des Jahres rechnet Weinberg mit einem Kurs von 100 US-Dollar pro Barrel Brent-Öl, ein Verlust von knappt fünf Prozent gegenüber dem heutigen Stand. Auch der derzeit noch große Preisabstand zwischen Brent und WTI dürfte sich wieder schließen. „Die Gefahr ist allerdings, dass sich der Preis dieser 100-Dollar-Marke von unten annähert“, sagt Weinberg. Will sagen: In den nächsten Monaten könnten kräftige Ausschläge nach unten den Anlegern und Händlern Kopfschmerzen bereiten.

Annika Reinert
Annika Williamson
Handelsblatt / Freie Mitarbeiterin

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