Lira stürzt weiter ab: Medizin verabreicht, Krankheit bleibt

Lira stürzt weiter ab
Erdogan ruft zum Währungskampf

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Medizin verabreicht, Krankheit bleibt

Die türkische Notenbank schaut offenbar machtlos zu, wie die Währung taumelt. Zwar hat sie sich gegen die Lira-Schwäche gestemmt, indem sie den heimischen Banken erlaubt, mehr Dollar zu verkaufen. Zuvor mussten die Geldhäuser höhere Dollar-Bestände als Sicherheit bunkern. Dies sei aber weder das richtige Mittel noch reiche es aus, kritisiert Tatha Ghose, Experte bei der Commerzbank. Auch die HSBC-Devisenexperten zweifeln an der Wirksamkeit dieser Maßnahme: „Wie bereits in den vergangenen Monaten sahen sich auch am Dienstag dieser Woche die Notenbanker außer Stande, die Talfahrt der Lira zu stoppen“.

Auch Appelle Erdogans, die Türken sollten ihre Devisen unterm Kopfkissen hervorholen und zur Bank bringen, klingen eher verzweifelt als nach einer durchdachten Strategie. Dieser Aufruf hatte nach einem Bericht der türkischen Zeitung „Hürriyet‟ auch Auswirkungen auf Deutschland. Vor der Ziraat Bank in Duisburg standen die Menschen an, um Euro umzutauschen. Auf die Dauer werde die Notenbank um Zinserhöhungen nicht herum kommen, meint hingegen Ghose.

Das Problem aber ist: Höhere Leitzinsen drohen die türkische Wirtschaft noch weiter abzuwürgen. Deshalb sitzt Erdogan den Währungshütern im Nacken. Bereits mehrfach hat der Staatschef sogar Zinssenkungen gefordert. Zwar stellt er offiziell die Unabhängigkeit der Notenbank nicht infrage. Als Präsident habe er aber das Recht zur Kritik. „Denn ich bin es, der vor seinem Volk die Ohrfeige abbekommt, nicht der Notenbank-Bürokrat“, so sein Argument.

Und Erdogans Sorgen um die Konjunktur kommen nicht von ungefähr. Die türkische Wirtschaft ist im dritten Quartal 2016 erstmals seit dem Krisenjahr 2009 geschrumpft. Vor allem der Tourismussektor leidet. Eines der beliebtesten Reiseländer der Deutschen versinkt im Chaos, aus Angst bleiben Besucher weg, die Hotels sind leer. Für dieses Jahr hat die türkische Regierung ihre Wachstumsprognose für die Wirtschaft von 5,0 auf 4,4 Prozent gesenkt.

Am heutigen Donnerstag hat Erdogan den Ton angesichts der Turbulenzen der Landeswährung erneut verschärft und die Notenbank zu einem Abwehrkampf aufgerufen. Es gebe keinen Unterschied zwischen Menschen mit Waffen und solchen, die die Türkei mit dem Wechselkurs ins Visier nähmen, sagte der Staatschef. Die Spekulation um den Wechselkurs habe jedoch keine Substanz: „Unsere Zentralbank und andere Banken müssen diesen Spielchen ein Ende bereiten“, sagte Erdogan. Die Notenbank verfüge über die nötigen Mittel dafür.

Bereits Mitte Dezember 2016 zog Erdogan Parallelen zum Kampf gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS). „Es gibt keinen Unterschied zwischen dem türkischen al-Bab-Einsatz und den Bemühungen, die Devisenspekulation zu stoppen“, sagte er unter Hinweis auf die türkische Militärpräsenz im Norden Syriens, wo der IS vertrieben werden soll. Devisenspekulanten und militärische Gegner würden versuchen, die Türkei „zu teilen und zu zerstören“, so der Staatschef.

Zu allem Überfluss hat die Türkei schon lange mit einem chronischen Leistungsbilanzdefizit zu kämpfen. Seit der Jahrtausendwende exportiert das Land fast kontinuierlich viel weniger als es importiert. Das macht die Türkei besonders verletzlich bei einer Talfahrt der Währung, denn diese macht Importe teurer. Das heizt die Inflation an, zuletzt lag die Teuerungsrate bei satten 8,5 Prozent. Für die Türken bedeutet das: Bei gleichem Geld im Portemonnaie landet weniger in der Einkaufstüte.

Und selbst wenn die Notenbank gegen den Willen Erdogans die Zinsen anhebt, ist nicht sicher, ob sie damit gegen die Lira-Schwäche ankommt. Zweifel daran wurden im November bestärkt, als die Notenbank erstmals seit Anfang 2014 den Leitzins anhob; auf das jetzige Niveau von acht Prozent. Die Lira konnten sie dadurch nur vorübergehend stützen, schon bald fiel sie weiter. Die gefährliche Medizin war verabreicht worden, aber die Krankheit blieb - sehr zum Ärger Erdogans.

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dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur
Jürgen Röder
Jürgen Röder
Handelsblatt / Redakteur Finanzzeitung

Kommentare zu " Lira stürzt weiter ab: Erdogan ruft zum Währungskampf"

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  • Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich. http://www.handelsblatt.com/netiquette 

  • Das mit der Abwertung der Lira ist für die Türken doch nichts neues, sondern nur die Rückkehr zum Normalzustand.

  • "Übertreibungsphase des Marktes"?

    Erdogan startet erst richtig los. Und wer will schon in ein "Großosmanisches Reich" investieren?

    Oder dorthin in Urlaub fahren?

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