Moskau kämpft gegen Währungsverfall
Der Rubel rollt nicht mehr

Noch vor wenigen Monaten fürchtete die russische Regierung eine Aufwertung ihrer Landeswährung. Nun hat sich das Blatt gewendet: Der Georgienkrieg und die Finanzkrise treiben ausländische Investoren aus dem Rubel. Der fallende Ölpreis verschärft den Abwärtssog.

MOSKAU. Russlands Rubel steht mächtig unter Druck - so sehr, dass sich Regierungschef Wladimir Putin bereits persönlich für ihn stark gemacht hat. Seine Mitbürger sollten doch bitte zweimal darüber nachdenken, Dollar zu kaufen, rief er auf. Die Flucht in die US-Währung sei eine "fragliche Praxis". Noch haben sich zwar keine Schlangen vor den Wechselstuben gebildet, doch Gerüchte über eine radikale Abwertung des Rubels hatten bereits vor wenigen Tagen zu einem kurzem Anflug von Panik geführt. Alle Beteuerungen von öffentlicher Seite, die Währung stabil zu halten, helfen wenig - die Banken können die Nachfrage nach der US-Währung kaum decken. Der Rubel erreichte gestern seinen Zwei-Jahres-Tiefpunkt zum Dollar. Seit dem Georgienkrieg im August hat er bereits zwölf Prozent verloren.

Der Grund ist freilich weniger die erhöhte Nachfrage besorgter Sparer, als eine Mischung von Faktoren wie der anhaltenden Kapitalflucht ausländischer Investoren und dem Verfall des Ölpreises, der inzwischen auf einem 18-Monatstief angelangt ist. Er liegt mit 70 Dollar auch unter dem Niveau, das Russland braucht, um einen ausgeglichenen Haushalt zu haben. Ein Ende des Abwärtssogs ist nicht in Sicht. Experten erwarten, dass die russische Währung in den nächsten zwei Monaten bis zu zehn Prozent nachgeben wird.

Die Zentralbank hält mit Macht dagegen, stützt den Rubel zum offiziellen Währungskorb aus Dollar und Euro und hat die Möglichkeiten für Währungsswaps eingeschränkt. Radikalere Schnitte fürchtet sie, da diese nur weitere Panik in der Bevölkerung schüren und die klammen Banken weiter unter Druck setzen würden. Um eine schrittweise Abwertung wird die Zentralbank aber nicht umhin kommen, denn die Währung zu stützen, ist teuer. Allein in der vergangenen Woche fielen die russischen Devisenreserven um 15 Mrd. Dollar auf nun 515 Mrd. Dollar. Noch vor wenigen Monaten standen sie bei fast 600 Mrd. Dollar. Die Zentralbank geht inzwischen davon aus, dass sie im kommenden Jahr unter dem Strich statt eines erwarteten Zuwachs von bis zu 120 Mrd. Dollar ein Minus verbuchen muss.

Arkadij Dwarkowitsch, Wirtschaftsberater von Präsident Dmitrij Medwedjew hatte das Abschmelzen der Reserven zur Stützung von Währung und Wirtschaft bereits vor Wochen herunter gespielt: Ein Kissen von mindestens 100 Mrd. Dollar sei genug, ließ er wissen.

Für die russische Führung haben sich die wirtschaftlichen Vorzeichen jedoch in Windeseile geändert. Noch vor wenigen Monaten galt es wegen des starken Stroms der Petrodollars den Druck für eine Aufwertung des Rubel abzufangen: Der bedrohte vor allem die Nicht-Rohstoffexporte, die auf dem Weltmarkt teurer wurden. Weil sich Importe verbilligten, kamen heimische Produkte zudem unter starken Konkurrenzdruck - Symptome der "Dutch Disease", eines Modells, das die verheerenden Folgen des plötzlichen Nordseeölreichtums auf die niederländische Wirtschaft in den 60er Jahren beschreibt.

Wie sich die Rubelabwertung auf die Wirtschaft auswirken wird, ist noch unklar. Mit den fallenden Ölpreisen dürfte der Inflationsdruck sinken, doch die Importe werden teurer. Vor allem die Unternehmen, die für den heimischen Markt produzieren - also keine Deviseneinnahmen haben - und es sich in der Vergangenheit leisten konnten, teure Maschinen zum Beispiel aus Deutschland zu kaufen, dürften ihre Investitionen zurückschrauben. Auch der private Konsum-Boom der vergangenen Jahre, bei dem sich Russlands Bürger dank des starken Rubels mit ausländischen Produkten eindecken konnten, könnte einen erheblichen Dämpfer erhalten: "Shoppen" wird teurer.

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