Nachgefragt
Interview: „Die Zeche zahlt der Verbraucher“

Das Handelsblatt spricht mit Claude Mandil, dem Generaldirektor der Internationalen Energieagentur (IEA), über Rohstoffvorräte, Energiepreise und deren Konsequenzen. Die IEA hat ihren Sitz in Paris.

Handelsblatt: Viele Experten haben nicht mit dem aktuellen Anstieg der Energiepreise gerechnet. Können wir ihren Prognosen noch trauen?

Mandil. Die IEA entwickelt Szenarien und keine Vorhersagen. Wir sagen nur, was die Folgen wären, wenn der Ölpreis langfristig bei 25 oder 35 Dollar liegt. Diese Bandbreite halten wir aber für wahrscheinlich.

Trotzdem: Viele Analysten haben sich verschätzt. Warum?

Heute beträgt der Energiekonsum eines Chinesen ein Zehntel des Verbrauchs eines Amerikaners. Natürlich wird der chinesische Verbrauch langfristig zunehmen. Das sollte auch niemanden überraschen. Wir haben aber den kurzfristigen Anstieg des Bedarfs in diesem Jahr nicht gesehen. Das liegt auch an der schlechten Datenlage, die uns viele Länder bieten. Und dabei meine ich nicht nur China oder Indien – auch die Industriestaaten. Wir haben dazu Initiativen gestartet. China wird uns jetzt bessere Informationen liefern. Das ist vereinbart.

Um die Ölmärkte zu beruhigen, überlegen die EU-Staaten, den Stand der kommerziellen Reserven wie die USA wöchentlich zu veröffentlichen – eine gute Idee?

Durchaus. Das würde ein wenig die Spekulation dämpfen. Denn heute schauen die Märkte viel stärker auf die USA als auf Europa oder Japan, nur weil sie über mehr Daten von dort verfügen. Die EU-Regierungen sollten aber nicht übersehen, dass eine solche Umstellung sehr komplex und kostspielig ist.

Sie entwickeln in Ihrem Bericht auch ein optimistisches Szenario für den Energiesektor. Wie groß sind dessen Chancen?

Ich halte den Eintritt dieses Szenarios für möglich, wenn alle heute international geplanten Maßnahmen für mehr Energieeffizienz umgesetzt werden. Das Problem ist: Selbst mit diesem Modell werden wir den CO2-Ausstoß nicht so mindern können, wie wir sollten.

Der Energiesektor braucht zudem Milliardeninvestitionen. Wer muss die schultern?

Der Privatsektor, und damit natürlich am Ende der Konsument.

Die Ölindustrie gibt ihre hohen Gewinne heute aber lieber an die Aktionäre zurück, als sie zu investieren.

Das sendet ein schlechtes Signal für die Zukunft aus. Die Aktionäre sollten eher Druck machen, dass ihr Geld in mehr langfristige Investitionen fließt.

Die Fragen stellten Thomas Wiede und Holger Alich.

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